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: Verwehrte Quellen

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Eine große Fleißarbeit über Ernst Freiherr von Weizsäcker ist am Historischen Seminar der Universität Zürich entstanden. Mehr als sechshundert Seiten füllt Stephan Schwarz vor allem mit unzähligen langen Zitaten aus längst gedruckten und mitunter auch ungedruckten Quellen - vornehmlich aus dem Politischen ...

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          Eine große Fleißarbeit über Ernst Freiherr von Weizsäcker ist am Historischen Seminar der Universität Zürich entstanden. Mehr als sechshundert Seiten füllt Stephan Schwarz vor allem mit unzähligen langen Zitaten aus längst gedruckten und mitunter auch ungedruckten Quellen - vornehmlich aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin, dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich und dem Schweizerischen Bundesarchiv in Bern. Zu neuen Erkenntnissen über den Spitzendiplomaten, der von 1933 bis 1937 Gesandter in Bern, bis 1943 Staatssekretär des Auswärtigen Amts und bis 1945 Botschafter beim Vatikan war, kommt der Autor nicht. Denn seit fast 60 Jahren sehen mit manchen Nuancen die einen in Weizsäcker einen im Nürnberger Wilhelmstraßenprozess 1949 verurteilten Kriegsverbrecher, während die anderen in ihm einen Widerstandskämpfer entdecken woll(t)en. Schwarz versucht, "die Problematik der Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Dritten Reich aus einer biographischen Perspektive" anzugehen und das Spannungsverhältnis zwischen der Außenpolitik der deutschen Diktatur und der eidgenössischen Neutralität herauszuarbeiten.

          Als Hauptergebnis der Studie stellt der Autor heraus, dass Weizsäcker in seinen verschiedenen Funktionen im Dienste des "Dritten Reiches" wohl kaum die Rolle eines "Retters der Schweiz" vor der nationalsozialistischen Bedrohung oder vor einer Besetzung durch die Wehrmacht für sich in Anspruch nehmen konnte, die man ihm während des Wilhelmstraßenprozesses 1948/49 zuschrieb und die er sich in den 1950 erschienenen "Erinnerungen" selbst erschrieb. Eine "gewisse emotionale Verbundenheit" des Diplomaten zur Schweiz sei "nicht auszuschließen", wenn es ihm auch - bis hin zur Einschüchterung des kleinen Nachbarstaates - stets um die deutschen Anliegen gegangen sei.

          Etliche germanophile Eidgenossen hätten sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Entlastungszeugen für den Deutschen zur Verfügung gestellt: "Es war eine Frage der Glaubwürdigkeit, dass man Weizsäcker, der als Freund der Schweiz bezeichnet wurde, nicht dem Verdacht der Komplizenschaft mit den nationalsozialistischen Schergen aussetzen wollte, was letztlich auch auf dessen Bekanntenkreis in unserem Land ein denkbar schlechtes Licht geworfen hätte", resümiert der Züricher Autor. Dies gilt besonders für den Weizsäcker-Intimus Carl J. Burckhardt, den Hohen Kommissar des Völkerbundes für Danzig und späteren Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz - wie Schwarz im Anschluss an Paul Stauffers wichtige Monographien von 1991 und 1998 darlegt.

          Bemüht hat sich der junge Zeithistoriker - wie sich das gehört - um "Einblick" in den in Basel lagernden Briefwechsel zwischen dem 1974 verstorbenen Burckhardt und dem 1951 verstorbenen Weizsäcker. Dies verwehrte ihm Ulrich Schlie als "Präsident des Kuratoriums" mit der Begründung, dass sich Burckhardts Nachlass "immer noch im Prozess der Klassifizierung" befinde und "das gegenwärtige Stadium noch keine Benutzung in größerem Umfang" erlaube. Eine weitere Absage erhielt Schwarz dann für die zu Lebzeiten der Weizsäcker-Witwe bei ihr in Lindau noch zugänglichen und mittlerweile auch mikroverfilmt im Bundesarchiv in Koblenz verwahrten Papiere des Staatssekretärs - und zwar vom Büro des Diplomaten-Sohnes und Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker: "Das Schriftgut von Ernst von Weizsäcker als deutscher Missionschef in Bern umfasst auch umfangreiche vertrauliche private Familienkorrespondenzen, die sich nicht von dem dienstlichen trennen lassen und auch nicht eingrenzbar sind." Wem das etwa nicht gleich einleuchtet, der darf sich - getreu dem Motto des Hosenbandordens - wenigstens als Schuft fühlen.

          RAINER BLASIUS

          Stephan Schwarz: Ernst Freiherr von Weizsäckers Beziehungen zur Schweiz (1933-1945). Ein Beitrag zur Geschichte der Diplomatie. Verlag Peter Lang, Bern 2007. 706 S., 86,20 [Euro].

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