https://www.faz.net/-gqz-rhu8

: Versuch plus Irrtum

  • Aktualisiert am

Gerd Langguth: Angela Merkel. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. 399 Seiten, 14,50 [Euro].Der Blickwinkel variiert. Mit jeder neuen Karrierestufe betrachten wir Angela Merkel mit veränderter Aufmerksamkeit und unerwarteter Neugierde. Schon im zurückliegenden Wahlkampf deuteten die Aufnahmen ...

          3 Min.

          Gerd Langguth: Angela Merkel. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. 399 Seiten, 14,50 [Euro].

          Der Blickwinkel variiert. Mit jeder neuen Karrierestufe betrachten wir Angela Merkel mit veränderter Aufmerksamkeit und unerwarteter Neugierde. Schon im zurückliegenden Wahlkampf deuteten die Aufnahmen einer frisch gewählten Kanzerkandidatin auf eine überraschend "neue" Angela Merkel, die sich fröhlicher, erleichterter und auch weiblicher präsentierte. Nachdem klar war, daß die Sondierungsgespräche zwischen Union und SPD zur Kanzlerschaft Merkels führen könnten, dominierte der Eindruck von zurückhaltender Zufriedenheit. Es ist jetzt schon absehbar, daß ihr möglicher Einzug ins Kanzleramt mit den Insignien der Machtaura auch sie noch darstellungsreicher machen wird. Mit dem Zuwachs der Macht rufen wir Bilder der Macht ab. Die stilistisch gefestigte schüchterne Gestik wird als souveränes Profil der zukünftigen Machtmoderatorin der großen Koalition gefeiert. Das demoskopische Porträt Angela Merkels von 2004 arbeitete mit den Etiketten kalt, aber klug. Die Nachfrage nach dem Bild von Merkel wird in einigen Monaten mit Sicherheit ergänzende Eigenschaften wie beispielsweise durchsetzungsfähig und präsidentiell mehrheitlich abbilden.

          Die Bilder der Wahrnehmung verändern sich mit dem Amt, das der politische Spitzenakteur erreicht. Das eigene Zutun - neues Outfit, gelernte Gesten - zu dieser angeblichen Veränderungsdynamik ist zumeist minimal. Vielmehr suchen wir uns als Betrachter stets einen neuen Blickwinkel auf die gleiche unveränderte Person im Rampenlicht der Macht. Die bebilderte Wechselhaftigkeit ist bei einer Person mit der Biographie von Angela Merkel geradezu vorprogrammiert. Denn wir wissen nur ausschnitthaft etwas über sie. Sie hat es bislang geschafft, die Deutungsmacht über ihr Leben zu behalten. "Sphinxhaft" - nennt der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth in seiner Merkel-Biographie diese stets verdachtsbestimmte Wahrnehmung der Angela Merkel in Westdeutschland.

          Erst im Alter von 35 Jahren wurde sie im vereinigten Deutschland politisch aktiv. Ein kleine Anzahl an Merkel-Biographien liegen zwar schon vor, doch Langguth erarbeitet die erste Gesamtschau, die den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt und das zu Recht. Rund 140 lange Gespräche sind im Buch verarbeitet. Zahlreiche Anmerkungen dokumentieren im wissenschaftlichen Apparat, welch umfangreiche kritische Quellenarbeit dem Porträt zugrunde liegt. Das Buch kam zeitgleich zur Kanzlerkandidatur heraus und stieß auch vor dem Hintergrund dieses zeitgeschichtlichen Arrangements auf überregionale Resonanz. Die Besonderheit der Ausarbeitung liegt in Langguths politikwissenschaftlichem Interesse begründet. Die Auswahl der Entwicklungsgeschichten, die Beschreibungen der Lebensstationen, die Charakterisierungen des Elternhauses lassen machtpolitische Nachfragen erkennen. Insofern ist es folgerichtig, daß der Autor am Ende eine Profilierung des "System Merkels" für den Leser aufbereitet und mit 10 Thesen abrundet. Denn der Leser von heute möchte wissen, welche Qualifikationen für ein politisches Spitzenamt Frau Merkel mitbringt. Gleichzeitig mußte Langguth den Lese-Eindruck verhindern, daß ihre politische Geschichte zielgerichtet auf die Kanzlerschaft zugelaufen wäre. Doch Langguth argumentiert nicht geschichtsdeterministisch. So fehlt geradezu in dieser Biographie eine verbindliche Grundmelodie, die aus den Lebensstationen eine Gesamtkomposition macht - weder bildungsbürgerlich noch vom Glauben her bestimmt, wie es im Pfarrhaus denkbar gewesen wäre. Erst in den letzten Monaten artikuliert sich Frau Merkel deutlicher im Duktus protestantischer Demutsethik, sie will Deutschland "dienen".

          Wenn es ein Leitmotiv von Langguth neben dem machtpolitischen Interesse am Lebensweg gibt, dann das Nachfragen bezüglich des naturwissenschaftlichen Berufskontextes bei Angela Merkel. Der Autor sieht darin eine Distanz- und Suchbewegung zugleich. Distanz vom Pfarrhaus des Vaters und seinen Anpassungsleistungen gegenüber dem SED-Regime und gleichzeitig die Suche nach unverfänglicher Rationalität jenseits ideologischer Fallstricke. So etwas wirkt bis heute nach. Denn ein biographisch nachvollziehbarer normativer Kompaß ist - wie die Umfragen belegen - schwerlich bei Angela Merkel klar erkennbar, gleichzeitig bleibt der Eindruck von gelernten Mechanismen der Entscheidungsfindung, die naturwissenschaftlichen Versuchsanordnungen folgen: Versuch plus Irrtum. Das funktioniert auf der einen Seite transparent und höchst funktional, aber ohne strategisches Zentrum. Auf der anderen Seite arbeitet dieses System zielstrebig mit dem Charme unverdächtiger Harmlosigkeit, wenn es darum geht, von der einen auf die andere Minute neue Handlungskorridore auszuloten und politische Optionen blitzschnell zu nutzen. Das führt zu immer neuen Überraschungssiegen von Frau Merkel, gerade dann, wenn ihre Gegner sie für längst geschlagen halten.

          Große, verläßliche Gefolgschaft kann man mit solchen Überraschungstechniken nicht sammeln. So wird Frau Merkel die erste Kanzlerin, die ohne eigene Hausmacht antritt. Ob ihr diese damit einhergehende Unabhängigkeit nutzt oder eher schadet, kann man auch nach der Lektüre des Langguth-Buches nicht eindeutig sagen. Doch das Porträt ist ein sehr gut geeigneter Materialfundus für alle, die Angela Merkel weiter unterschätzen wollen.

          KARL-RUDOLF KORTE

          Weitere Themen

          Übergriffe beim Fotoshooting?

          „Österreich“-Chef Fellner : Übergriffe beim Fotoshooting?

          Gegen den Chef des Boulevardblatts „Österreich“, Wolfgang Fellner, werden Vorwürfe wegen angeblicher sexueller Belästigung erhoben. Er weist die Anschuldigung zurück und spricht von einer Intrige.

          Topmeldungen

          Um 2200 Prozent stieg der Aktienkurs von Tesla - seit Baillie Gifford dort 2013 eingestiegen ist.

          Tesla-Entdecker : Die coolsten Investoren der Welt

          Der schottische Vermögensverwalter Baillie Gifford entdeckt die besten Aktien oft früher als andere. Was ist sein Erfolgsgeheimnis?
          Sofie will nicht erkannt werden. Ihre Halbgeschwister wissen bis heute nicht von ihr.

          Kuckuckskinder : Mein Vater, der Fremde

          Kinder, die aus einem heimlichen Seitensprung hervorgehen, leiden darunter oft noch als Erwachsene. So ist es auch bei Sofie und Tobias.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.