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: Verständigungsfrieden 1918?

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Martin Müller: Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegführung. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn in der Offensive 1917/1918. Eine Clausewitz-Studie. Leopold Stocker Verlag, Graz 2003. 446 Seiten, 39,90 [Euro].Der Erste Weltkrieg kommt wieder in Mode. Jahrzehntelang stand die "Urkatastrophe" des 20.

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          Martin Müller: Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegführung. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn in der Offensive 1917/1918. Eine Clausewitz-Studie. Leopold Stocker Verlag, Graz 2003. 446 Seiten, 39,90 [Euro].

          Der Erste Weltkrieg kommt wieder in Mode. Jahrzehntelang stand die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts bei der deutschen Historikerzunft im Schatten des "Dritten Reiches". Erst seit Anfang der neunziger Jahre stieg die Zahl der wissenschaftlichen Untersuchungen über den "Großen Krieg", wie er von den Zeitgenossen genannt wurde, stetig an und wird im Jubiläumsjahr 2004 wohl einen neuen Höhepunkt erreichen. Dieser Aufschwung wurde in erster Linie von der sogenannten "neuen" Militärgeschichte getragen, die den Anspruch verfolgt, die ganze Methodenvielfalt der Geschichtswissenschaft der Erforschung von Krieg und Militär nutzbar zu machen. In der Praxis beherrscht freilich die Sozial- und Kulturgeschichte das Feld, in der der Bezug zum eigentlichen Kriegsgeschehen zuweilen abhanden kommt. Daher ist die vorliegende Studie sehr zu begrüßen, weil damit endlich einmal eine operationsgeschichtliche Arbeit zum Ersten Weltkrieg vorgelegt wird.

          Martin Müller untersucht die Offensiven der Mittelmächte von März bis Juli 1918 in Frankreich und Italien, durchleuchtet die Operationsführung, die strategische Konzeption und die Einbettung in die Koalitionskriegführung. Er widmet sich vor allem der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 (Unternehmen "Michael"), von der sich Front und Heimat die Kriegsentscheidung zugunsten Deutschlands erhofften. Erich Ludendorff scheiterte, so der Autor, weil er im Vorfeld und im Verlauf der Offensive von dem Vernichtungsgedanken des preußischen Militärtheoretikers Clausewitz, der die Konzentration aller Kräfte der Mittelmächte auf einen Gegner verlangt hätte, abkam und sich in einer Zermürbungsstrategie verfing, mit der schon der britische Feldmarschall Douglas Haig 1917 gescheitert war.

          Anders als die bisherige Forschung sieht Müller in der Frühjahrsoffensive 1918 durchaus strategische Erfolgschancen, die einen Sieg der Mittelmächte hätten bewirken können: Wenn Ludendorff alle verfügbaren Kräfte der Mittelmächte an der Westfront konzentriert hätte - also auch die verfügbaren rund zehn österreichisch-ungarischen Divisionen - und wenn er das ursprüngliche Ziel des Angriffs, die britischen Expeditionsstreitkräfte entscheidend zu schlagen, konsequent weiterverfolgt hätte, dann wäre womöglich ein kriegsentscheidender Sieg errungen worden. Die britischen Streitkräfte, so Müller weiter, standen kurz vor dem Zusammenbruch. Wären die deutschen Armeen nur 20 Kilometer weiter vorgedrungen, hätten diese die letzten Auffangstellungen durchbrochen und die Briten wären gezwungen worden, sich in heilloser Flucht über die Kanalhäfen nach England zurückzuziehen. Dies hätte einen solchen Schock für die Alliierten bedeutet, daß ein Vermittlungsfrieden das wahrscheinliche Ergebnis gewesen wäre - eine entsprechende deutsche Friedenspropaganda vorausgesetzt.

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