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: Verschlungene Wege nach Treblinka

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Otto Dov Kulka/Eberhard Jäckel (Herausgeber): Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945. Droste Verlag, Düsseldorf 2004. 894 Seiten, 74,90 [Euro].Klaus-Michael Mallmann/Bogdan Musial (Herausgeber): Genesis des Genozids. Polen 1939-1941. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004.

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          Otto Dov Kulka/Eberhard Jäckel (Herausgeber): Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945. Droste Verlag, Düsseldorf 2004. 894 Seiten, 74,90 [Euro].

          Klaus-Michael Mallmann/Bogdan Musial (Herausgeber): Genesis des Genozids. Polen 1939-1941. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004. 240 Seiten, 42,- [Euro].

          Bogdan Musial (Herausgeber): "Aktion Reinhardt". Der Völkermord an den Juden im Generalgouvernement 1941-1944. Fibre Verlag, Osnabrück 2004. 454 Seiten, 29,80 [Euro].

          Charles Patterson: "Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka". Über die Ursprünge des industrialisierten Tötens. Aus dem Amerikanischen von Peter Robert. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004. 307 Seiten, 16,90 [Euro].

          In den letzten Jahrzehnten sind mehrere Publikationen zur geheimen Berichterstattung der Überwachungsorgane im "Dritten Reich" erschienen, darunter die herausragende Edition der Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS ("Meldungen aus dem Reich"). Mit ihrer Hilfe wollten die nationalsozialistischen Machthaber verläßliche Informationen über die Stimmung in der Bevölkerung und die Aktivitäten ihrer Gegner gewinnen - wohl wissend, daß das Bild einer monolithischen "Volksgemeinschaft" aus Führung und "Gefolgschaft" mehr der Propaganda als gesellschaftlicher Realität entsprach. Da Meinungsforschungsinstitute in Deutschland noch fremd waren, die Führung des "Dritten Reiches" aber möglichst authentische Erkenntnisse über die Wechselbeziehungen zwischen Herrschaft und Gesellschaft erwartete, hatten neben der Gestapo und dem Sicherheitsdienst (SD) auch die regionalen Verwaltungsbehörden regelmäßig und unabhängig voneinander Stimmungsberichte abzufassen. Besonderes Augenmerk galt den "weltanschaulichen Gegnern" des Nationalsozialismus: Judentum, Marxismus, Liberalismus, "politische Kirchen" und "Rechtsbewegung" (Monarchisten). Während die "Meldungen aus dem Reich" über alle Lebensbereiche, begrenzt auf den Zeitraum zwischen 1938 und 1945, berichteten, enthält die von den emeritierten Historikern Kulka (Jerusalem) und Jäckel (Stuttgart) herausgegebene Edition ausschließlich Berichte über das Verhalten der Juden und ihrer Organisationen sowie über die Haltung der nichtjüdischen Bevölkerung zu den antijüdischen Maßnahmen des Regimes zwischen 1933 und 1945. Dazu werden 752 grundlegende Dokumente vorgestellt aus einem Gesamtkorpus mit 3744 Quellen, die über die beigefügte CD-Rom zugänglich sind. Die repräsentative Dokumentenauswahl vermittelt ein facettenreiches Bild der Beziehungen zwischen Juden und ihrer nichtjüdischen Umwelt. Trotz zunehmender Entrechtung und Verfolgung präsentiert sich das jüdische Leben bis zu den Novemberpogromen 1938 in bemerkenswerter Vielfalt. Die abschließenden Kapitel zu den Deportationen offenbaren einen hohen Kenntnisstand in der Bevölkerung über das Schicksal der Deportierten und die dann folgenden Gewaltverbrechen in den besetzten Gebieten Osteuropas. Voluminöse Quelleneditionen mit langer Vorlaufzeit bis zur Drucklegung können nicht immer den neuesten Forschungsstand bei den notwendigen Erläuterungen widerspiegeln. Herschel Grynszpan, ein 17jähriger Jude polnischer Nationalität, der am 7. November 1938 ein Revolverattentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris verübte, lebte dort nicht als Student, wie im Glossar der Edition dargestellt, sondern arbeitslos und illegal. Das Opfer war weder Botschafter noch Gesandtschaftsrat, sondern Legationssekretär. Die von Hitler am 9. November 1938 absichtsvoll verfügte Sprungbeförderung zum Gesandtschaftsrat I. Klasse konnte vom Rath nicht mehr bestätigen, da er bereits das Bewußtsein verloren hatte. Das NS-Regime nutzte den Tod vom Raths als willkommenen Anlaß zur Auslösung der reichsweiten Pogrome, die unter dem Euphemismus "Reichskristallnacht" in die Geschichte eingingen. Ungeachtet einiger Errata ist die Edition eine wahre Fundgrube nicht nur für die Forschung, sondern für alle historisch interessierten Leser, die mehr über jüdisches Leben zwischen Selbstbehauptung und Repression im Alltag des "Dritten Reiches" erfahren wollen.

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