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: "Unnötiger Ballast"

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Am 17. Dezember 1944, dem zweiten Tag der Ardennenoffensive, exekutierten Soldaten der "Kampfgruppe Peiper" mehrere Dutzend amerikanischer Kriegsgefangener an einer Straßenkreuzung in der Nähe der belgischen Kleinstadt Malmédy. Bereits ein Jahr nach Kriegsende standen deswegen 74 ehemalige SS-Männer ...

          Am 17. Dezember 1944, dem zweiten Tag der Ardennenoffensive, exekutierten Soldaten der "Kampfgruppe Peiper" mehrere Dutzend amerikanischer Kriegsgefangener an einer Straßenkreuzung in der Nähe der belgischen Kleinstadt Malmédy. Bereits ein Jahr nach Kriegsende standen deswegen 74 ehemalige SS-Männer in Dachau vor Gericht - darunter der zum Tatzeitpunkt erst 29 Jahre alte Kommandeur der Kampfgruppe, Joachim Peiper, sowie der SS-Oberstgruppenführer Sepp Dietrich, ehemals Oberbefehlshaber der 6. (SS-)Panzerarmee. Obwohl die amerikanische Militärjustiz zunächst 43 Todesurteile aussprach, war bis 1957 der letzte Angeklagte wieder auf freiem Fuß. Der Prozess war sehr schnell wegen mehrerer dubioser Verhörmethoden im Haftgefängnis Schwäbisch Hall in Verruf geraten und mit dem Stigma der "Siegerjustiz" versehen. Viele Angeklagte widerriefen in der Folgezeit ihre ersten Geständnisse.

          Bis heute gelten Malmédy und der Prozess symbolisch als Zankapfel um die Rolle der Waffen-SS: "Verbrecherische Organisation" oder "Soldaten wie andere auch"? So entstanden auch bald zwei Versionen über das, "was wirklich geschah": Erstere besagt, die US-Gefangenen seien vorsätzlich exekutiert worden, über 80 Soldaten fanden den Tod. Die zweite Variante glaubt in einem Fluchtversuch der Gefangenen und dem daraus entstandenen Chaos den eigentlichen Grund für das Blutbad auszumachen. Vorrangig SS-Veteranen verbreiteten diese These.

          Die Arbeit von Gerd J. Gust Cuppens schließt sich weitgehend der letztgenannten Sicht an, wenngleich auch er von der vorsätzlichen Tötung von mehr als zwanzig Kriegsgefangenen ausgeht. Das Buch ist eine unveränderte Neuauflage des Erstlingswerks von 1989 und bildet dementsprechend den Forschungsstand von vor 20 Jahren ab. Cuppens war eigentlich Lehrer und betrieb die Forschungen zu Malmédy in seiner Freizeit. Was für die meisten Hobbyhistoriker gilt, bewahrheitet sich auch hier: unglaublicher Arbeitseifer und Spürsinn, doch gleichzeitig eine weitgehend einseitige Argumentation und ein Fehlen der Einordnung des Geschehens in die Gesamtzusammenhänge. Zudem stören eine ungenaue Terminologie sowie orthographische Fehler den Lesefluss.

          Cuppens untermauert seine Thesen mit zahlreichen Zeitzeugeninterviews. Die Problematik derartiger Aussagen thematisiert der Autor jedoch leider nicht, sondern verkauft sie als die Abbildung der Wahrheit, frei nach dem Motto: Erst jetzt, 40 Jahre später, dürfen sie reden! Gewiss, Cuppens tut gut daran, seine Studie nicht allein auf den ebenfalls problematischen Aussagen der Jahre 1945/46 unkritisch aufzubauen. Dieses Material aber als "99,9% wertlos" zu bezeichnen führt auch zu weit. Schlüsseldokumente wie der Autopsiebericht der toten Kriegsgefangenen werden gar nicht angeführt. Dabei hatten amerikanische Militärärzte bei etwa der Hälfte der 84 Opfer Kopfschuss als Todesursache ausgemacht - ein untrügliches Zeichen einer gezielten Exekution.

          Nach neuesten Forschungen hingegen (John M. Bauserman, James J. Weingartner und bald Jens Westemeier) stellt sich der Fall Malmédy anders als bei Cuppens dar: Bei aller Quellenkritik des Materials aus dem Nachkriegsprozess kann man als sicher annehmen, dass es einen konkreten Befehl zur Erschießung der Gefangenen gab. Ein Vorauskommando der "Kampfgruppe Peiper" hatte die unerfahrenen und nur leicht bewaffneten US-Soldaten gefangengenommen, auf der Wiese gesammelt und war dann weitermarschiert. Die folgende Kolonne wusste nicht so recht, wie man mit den Gefangenen verfahren sollte, denn zur Behandlung von Kriegsgefangenen waren innerhalb der Kampfgruppe nur sehr vage Befehle gegeben worden. Um Zeit und Personal zu sparen, schoss man in die Menge hinein, eine Panik entstand. Nach dieser einseitigen Schießerei tötete man die restlichen Gefangenen.

          Leider erfahren wir in Cuppens' Buch auch nur wenig oder gar nichts über den Kontext des Massakers. Malmédy war nämlich kein einmaliger "Ausrutscher", sondern reiht sich in eine lange Liste von Verbrechen an Kriegsgefangenen und Zivilisten während der Ardennenoffensive ein. Waren Ausschreitungen von Wehrmachtseinheiten hier die Ausnahme, häuften sie sich aber bei den SS-Divisionen und dabei wiederum besonders bei der "Kampfgruppe Peiper". Zwar hat es keinen generellen SS-Befehl zur Tötung aller Gefangenen gegeben, doch akzeptierte man Erschießungen, sollten die Gefangenen "unnötigen Balast" bilden. Schließlich galt die Ardennenoffensive als die letzte Möglichkeit, das Blatt im Westen militärisch noch einmal zu wenden. Die als Speerspitze fungierende Kampfgruppe stand dabei unter besonderem Druck, war sie doch zum Tatzeitpunkt bereits weit hinter dem Zeitplan geblieben. Leistungsdruck und ein überzogener "Härtekult" innerhalb der Waffen-SS bildeten ein gefährliches Gemisch.

          Freilich erschoss auch die US Army häufig deutsche Kriegsgefangene, insbesondere von der Waffen-SS. Warum dies so war, ist bislang nicht bekannt. Hier dürfte sich für künftige Forschungen ein weitaus fruchtbareres Feld ergeben als die Behandlung gut erforschter Themen wie dem Massaker von Malmédy.

          PETER LIEB

          Gerd J. Gust Cuppens: Was wirklich geschah: Malmedy-Baugnez - 17. Dezember 1944. Die Kampfgruppe Peiper in den Ardennen. Grenz-Echo Verlag, Eupen 2009. 168 S., 34,- [Euro].

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