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: Unheilvolle Mischung

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Die von der Dynastie der Habsburger beherrschten Länder hatten im 19. Jahrhundert besondere Schwierigkeiten, die europaweiten Entwicklungen der Nationalstaatsbildung und der Industrialisierung zu bewältigen. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Anpassungszwänge brachten damals in Österreich politische Ideen ...

          Die von der Dynastie der Habsburger beherrschten Länder hatten im 19. Jahrhundert besondere Schwierigkeiten, die europaweiten Entwicklungen der Nationalstaatsbildung und der Industrialisierung zu bewältigen. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Anpassungszwänge brachten damals in Österreich politische Ideen hervor, die sich schließlich - Jahrzehnte später - in der von Adolf Hitler definierten nationalsozialistischen Weltanschauung bündelten. Diese fiel nach dem Ersten Weltkrieg im gedemütigten und demoralisierten Deutschen Reich auf fruchtbaren Boden. Die historische Forschung ist sich weitgehend darin einig, daß Hitler die Elemente seiner politischen Vision nicht selbst entwickelt hat. Michael Wladika zeichnet nun bis in die kleinsten Verästelungen Entstehung und Wachsen von verschiedenen Spielarten des Antisemitismus, nationalistischen und völkischen Ideen und der Vorstellung eines auf die eigene Volksgruppe beschränkten Sozialismus nach. Dabei zeigt er sich einerseits bedingende und andererseits verstärkende Effekte der innenpolitischen Entwicklung.

          Vor allem die Juden schienen als Bevölkerungsgruppe die Modernisierungsgewinner zu sein. Nach ihrer Emanzipation standen ihnen die bisher abgeschirmten Bereiche Universität und Handwerksberufe offen. Die vom Liberalismus gepriesene Freiheit wurde von den betroffenen, bisher privilegierten Gruppen als Bedrohung wahrgenommen. Eine weitere Quelle des sich nun entwickelnden Antisemitismus war die Haltung der katholischen Kirche, die ihr Unbehagen über die gesellschaftlichen Veränderungen und die damit verbundene weitere Säkularisierung nicht durch Kritik am - politisch für diese Entwicklung verantwortlichen - Kaiser äußern konnte, sondern statt dessen am steigenden Einfluß der Juden, wobei sie als übernationale Organisation stets religiös und nie national argumentierte.

          Die immer noch tonangebende deutschsprachige Bevölkerung sah sich durch die Gründung des Deutschen Reiches aus der gemeinsamen großdeutschen Nation ausgeschlossen. Eine kleine, aber lautstarke Minderheit schwärmte für Bismarck und propagierte den Anschluß Österreichs an den so dynamisch und kraftvoll wirkenden neuen Nationalstaat. Gerade im Vielvölkerstaat glaubten sie, die nationale und auch rassistische Abgrenzung zur Identitätsbewahrung zu benötigen. Von dieser Seite her entwickelte sich der Rassenantisemitismus. Antisemitismus, welcher Ausprägung auch immer, wurde ab etwa 1885 zu einer etablierten politischen Grundanschauung eines Großteils des cisleithanischen Parteienspektrums. Wladika stellt fest, daß in Deutschland keine entsprechende Entwicklung zu beobachten ist. Burschenschaften und Turnerschaften, die in Österreich seit Ende der siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts "Arierparagraphen" einführten, wurden sogar wegen ihres betonten Antisemitismus aus gemeinsamen Dachverbänden ausgeschlossen.

          Weniger die Juden als die Binnenwanderung tschechischer Arbeitskräfte gab den Anlaß zur Entstehung der nationalistischen deutschen Arbeiterbewegung. Im ursprünglich rein deutsch besiedelten nordböhmischen Industriegebiet stellten die Fabrikbesitzer die meist ungelernten, billigeren tschechischen Arbeitskräfte gern ein. Die deutschen Arbeiter empfanden ihre neuen Kollegen hingegen als Lohndrücker. Zum selben Staatsverband gehörig, bestand für die Neuankömmlinge kein Assimilierungsdruck, denn der Staat versuchte, den neuen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Die Sprachenverordnungen des Ministerpräsidenten Graf Badeni von 1897, die unter anderem vorsahen, daß die Untertanen im Verkehr mit den Behörden ihre jeweilige Muttersprache benutzen konnten, war der Funke, der die deutschen Überfremdungsängste explodieren ließ. Allein die Vorstellung, ein deutschsprachiger Beamter in einem ursprünglich deutschsprachigen Gebiet müsse Tschechisch lernen oder bei Bedarf durch einen zweisprachigen Beamten ersetzt werden, erschien fast allen deutschen Parteien unzumutbar. Sie fühlten sich von der eigenen Dynastie nicht nur im Stich gelassen, sondern geradezu verraten. Jede Art der Gleichberechtigung nichtdeutscher Bevölkerungsgruppen wurde als Schritt zum Untergang der eigenen Identität gewertet.

          Die folgende Obstruktion im Parlament setzte den Verfall der demokratischen Mitwirkungsrechte in Gang, von dem sich die Monarchie, trotz zwischenzeitlich wieder eingetretener Ruhe, bis zu ihrem Untergang nicht erholen sollte. Mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie verloren viele dieser politischen Ideen in ihrem Entstehungsland ihre Grundlage. Deutschland hingegen war nun bereit für diese Ideen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit leisteten die österreichischen Nationalsozialisten, wie sie sich schon nannten, sogar noch Aufbauhilfe für die Bewegung im Deutschen Reich. Hitler fügte der unheilvollen Mischung rassistischer Ideen noch das autoritäre Führerprinzip hinzu und den Willen, die völkischen Visionen mit Gewalt zu verwirklichen.

          In der verdienstvollen, detailreichen Darstellung konkurrieren organisationsgeschichtlicher und biographischer Ansatz, was dem Thema angemessen ist. Die Lebensläufe von Georg Ritter von Schönerer, Karl Hermann Wolf, Franz Stein, Walter Riehl und vieler anderer tragen zum Verständnis der Entwicklung bei, doch welcher der Ansätze warum jeweils den Vorrang erhält, ist nicht immer deutlich. Eine vielfach unpräzise Sprache stört die Anschaulichkeit.

          KLAUS A. LANKHEIT

          Michael Wladika: Hitlers Vätergeneration. Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k. u. k. Monarchie. Böhlau Verlag, Wien 2005. 675 S., 75,- [Euro].

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