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: Ungekrönter König Oberschlesiens

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Man darf Ulitzka den Vater der Provinz Oberschlesien nennen. Im Volksmund hieß er rühmend, aber auch gelegentlich ein wenig kritisch-distanziert der "ungekrönte König Oberschlesiens". Als Zentrumspolitiker und damit als der Repräsentant der stärksten Partei im Lande, über 40 Prozent Stimmenanteil für die Katholische Volkspartei in einem bis zu 90 Prozent von Katholiken bewohnten Land, setzte er alles daran, Oberschlesien zu verselbständigen, nicht nur gegenüber dem übrigen Schlesien, sondern auch gegenüber Preußen. Ein "Reichsland Oberschlesien" sollte entstehen. Die Herauslösung aus Preußen gelang nicht, aber die selbständige Provinz Oberschlesien wurde geboren. Dem Entscheidungsgremium, dem Provinzialausschuß der in Ratibor residierenden Landesregierung stand der Pfarrer von Ratibor-Altendorf St. Nikolaus vor. Die Details dieses Werdens und Wollens werden von Hitze in großer Ausführlichkeit bis hinein in die Ämterbesetzung gespiegelt.

Der Zentrumsmann Ulitzka war ein bekennender und kämpferischer Republikaner, bis hin zur Mitgliedschaft im schwarzrotgoldenen Reichsbanner. Er hatte seine Gegner im Parteiflügel um Franz von Papen, dem Nachfolger Heinrich Brünings, so daß Repräsentanten des oberschlesischen Adels sogar aus Protest gegen Ulitzka aus dem Zentrum austraten. In der Reichstagsfraktion gehörte er zum Vorstand, sondierte 1926 - als Konrad Adenauer als möglicher Reichskanzler genannt wurde - bei den Sozialdemokraten, zu denen er übrigens aus taktischen Erwägungen (die SPD stellte in Preußen den Ministerpräsidenten) ein gutes Verhältnis unterhielt. 1928 soll sein Name - so nimmt Autor Hitze innerparteiliches Gerede auf - als Kandidat für den Parteivorsitz gegen den Prälaten Ludwig Kaas gehandelt worden sein.

Bei der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz 1933 war er nicht anders als Joseph Wirth und Heinrich Brüning offensichtlich ein Gegner der Zustimmung, ließ sich dann aber durch Ludwig Kaas und die Fraktionsführung umstimmen und redete angesichts des drohenden Terrors der nationalsozialistischen Machthaber auch auf Brüning ein, sich zu einem Ja durchzuringen. Die zwölf Jahre der "braunen Diktatur" hatten gleich nach der Wahl vom 5. März 1933 körperliche Attacken zur Folge, später eine versuchte Erstürmung seines Pfarrhauses, schließlich im Juli 1939 die Vertreibung aus Schlesien und nach dem 20. Juli 1944 mit einem dreimonatigen Abstand in Berlin die Einweisung in das Konzentrationslager Dachau.

Als er wieder in Freiheit den Weg in seine Pfarrgemeinde Ratibor-Altendorf suchte, wurde er ein zweites Mal aus Schlesien vertrieben, denn nach wenigen Tagen einer geglückten Rückkehr im August 1945 wurde er gewarnt, nachts die Flucht zu ergreifen, denn die jetzt in Ratibor seit vier Monaten herrschenden Kommunisten und polnischen Nationalisten trachteten ihm nach seinem Leben. Berlin, das im Ostteil der Stadt gelegene Antonius-Krankenhaus, wurde Alterssitz und Wirkungsstätte. Zwei Wochen nach seinem 80. Geburtstag ist Ulitzka am 12. Oktober 1953 gestorben und in Karlshorst beigesetzt worden. Ob Bestrebungen Erfolg haben werden, ihm jetzt eine letzte Ruhestätte in seiner Kirchengemeinde Ratibor-Altendorf zu bereiten, wird vom Barometerstand der deutsch-polnischen Beziehungen abhängen.

Breiten Raum nimmt die Frage nach dem Verhältnis des Priesters in der Politik ein. So leidenschaftlich der sowohl national- als auch sozialpolitisch engagierte Politiker auf dem eher links einzuordnenden Flügel des Zentrums agierte: zuerst sah er sich als Mann der Kirche und seinem Pfarramt verpflichtet. In Breslau wurde er von Kardinal Adolf Bertram 1922 zum Ehrendomherrn ernannt, 1926 von Papst Pius XI. zum Hausprälaten.

Ein Denkmal wollte der Autor mit dem klug konzipierten Werk seinem Helden nicht setzen, wohl aber voller Sympathie über diesen Pfarrer und Republikaner sachkundig informieren - in der Erwartung, daß dieser große Mann der Weimarer Republik ins allgemeine Bewußtsein aufgenommen werde. Alle nur möglichen Fragen zu Ulitzka beantwortet Hitze gründlich und überzeugend. Allerdings verliert der Leser auf weiten Strecken vor lauter Quellenzitaten und Nebenplätzen den Patrioten und Schöpfer Oberschlesiens aus dem Blick. Zu wünschen bleibt, daß nicht der Umfang dieser Studie von der Lektüre abschreckt.

HERBERT HUPKA

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