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: Und immer wieder nur Patrioten . . .

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Die Reihe "Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert" soll Differenzen und Ähnlichkeiten im Kontext der europäischen Entwicklung sichtbar machen. Dieser innereuropäische Vergleich ist zweifelsohne lohnend, setzt aber Kenntnisse über die Geschichte so ziemlich aller "anderen" Staaten voraus, über die kaum ein Autor verfügt.

          Die Reihe "Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert" soll Differenzen und Ähnlichkeiten im Kontext der europäischen Entwicklung sichtbar machen. Dieser innereuropäische Vergleich ist zweifelsohne lohnend, setzt aber Kenntnisse über die Geschichte so ziemlich aller "anderen" Staaten voraus, über die kaum ein Autor verfügt. Dieses Unterfangen ist besonders kompliziert, wenn es sich - wie im vorliegenden Fall - gar nicht um eine Nationalgeschichte handelt, sondern um einen Vielvölkerstaat, der keiner sein wollte, und um eine Nationsbildung, die innerhalb des stokavischen Dialekts entlang konfessioneller Bruchlinien verläuft. "Alles, was religiös ist, ist gleichzeitig auch national." Jedoch wird dieses Thema nicht systematisch aufgegriffen.

          Nationen eigne "keine transhistorische Existenz", man könne sie deshalb auch nicht einfach zurückprojizieren - so heißt es eingangs. Doch kaum ist diese Pflichtübung beendet, verfällt die Darstellung in schon fast wieder unterhaltsamer Weise in die soeben noch verdammten nationalen Stereotypen: Der jugoslawische "Patriotismus" wird sehr wohl in die Zeit vor 1918 zurückprojiziert. Selbst der einfachste serbische Bauer sei vom Glauben an die nationale Mission erfüllt gewesen. Der Erste Weltkrieg gerät zur Heldenlegende, übertroffen bloß noch von den hymnischen Passagen, die sich Titos Vorkriegs-KP widmen. 1918 brechen die Serben durch - hatten sie nicht auch ein paar Franzosen dabei? Quellenkritik gilt der Autorin offenbar als bürgerliches Vorurteil. So erfährt man über die Mlada Bosna, jene Organisation, aus der die Attentäter von Sarajevo hervorgingen: "Fast alle versuchten sich als Literaturkritiker oder Autoren, übersetzten Kierkegaard, Strindberg, Ibsen, Wilde oder Poe." Was ja nun wieder sehr für die Qualität der altösterreichischen Gymnasien spräche, die solche unerreicht schöngeistigen Terroristen züchteten.

          Das zentrale Thema wird beschrieben und doch wiederum geleugnet. Die kroatische Bauernpartei von Stjepan Radic wird - neben den Kommunisten - zur fundamentalen Herausforderung für das neu entstandene Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen nach 1918 erklärt, um zwei Seiten später linientreu zu verneinen, dass es dieser historische Gegensatz zwischen Serben und Kroaten war, welcher den Staat lähmte. Was den Krieg aller gegen alle nach 1941 betrifft, wehrt sich die Autorin gegen die "populäre Legende", dass "sich Serben, Kroaten und Muslime schon immer hassten". Richtig: Hass ist nun einmal keine sehr vielversprechende Kategorie historischer Analyse. Der Historiker verfügt über kein Instrumentarium, um retrospektiv derlei emotionale Befindlichkeiten eines Massenpublikums abzufragen. "Ethnische Säuberungen funktionierten nicht von selbst, sondern auf Befehl." Die rhetorische Frage drängt sich auf, was der Reihenherausgeber Ulrich Herbert einem Autor antworten würde, der Hitlers Anordnungen in ähnlicher Weise externalisieren wollte? Divide et impera versuchten die Deutschen auch anderswo im besetzten Europa zu spielen; auch Rivalitäten zwischen den Widerstandsbewegungen gab es anderswo - aber eben nicht in dieser Intensität. Der nicht eingelöste europäische Vergleich rächt sich.

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