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: Unauffällige Vernichter

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Viele Zahlen, viele Eintragungen, noch mehr Schicksale. Ein Beispiel: "Vom 29. 10. bis 1. 11. 1942 wurde das Ghetto von Pinsk vernichtet. Insgesamt wurden in diesen Tagen in Pinsk mindestens 18000 Juden ermordet." Die Täter kamen nicht aus den Reihen von SS oder SD. Sie waren Angehörige einer Organisation, die mit dem Slogan warb, sie sei "Dein Freund und Helfer".

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          Viele Zahlen, viele Eintragungen, noch mehr Schicksale. Ein Beispiel: "Vom 29. 10. bis 1. 11. 1942 wurde das Ghetto von Pinsk vernichtet. Insgesamt wurden in diesen Tagen in Pinsk mindestens 18000 Juden ermordet." Die Täter kamen nicht aus den Reihen von SS oder SD. Sie waren Angehörige einer Organisation, die mit dem Slogan warb, sie sei "Dein Freund und Helfer". Die Täter waren deutsche Polizisten. Ihre Rolle bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden wurde lange Zeit unterschätzt. Doch unterschieden sich die Bataillone der Ordnungspolizei kaum von den berüchtigten Einsatzgruppen oder den nicht minder gefürchteten Brigaden der Waffen-SS. Es waren primär diese drei Institutionen, die in der besetzten Sowjetunion zu den eigentlichen Vollstreckern des Holocaust wurden. Die Zahl der Juden, die hier den deutschen Polizisten zum Opfer fielen, wird auf eine Million geschätzt, in Polen war es wahrscheinlich über eine halbe Million.

          Nachlesen läßt sich all das in der monumentalen Dokumentation von Wolfgang Curilla. Obwohl sich dieser primär auf zwei Räume konzentriert, das Baltikum und Weißrußland, und alle übrigen Tatorte nur kursorisch streift, ist sein voluminöses Kompendium auf über 1000 Seiten angewachsen. Das spricht nicht allein für die Akribie, die Umsicht sowie die geradezu stupende Literatur- und Quellenkenntnis des Autors. Auch die unvorstellbaren Dimensionen dieses grausigen Geschehens werden damit deutlich. Darüber wird - Bataillon für Bataillon, Tat für Tat - meist in Form kurzer und komprimierter Eintragungen berichtet, unterbrochen von ausführlichen Schilderungen von Zeitzeugen, wie sie sich in den Akten der Justiz finden. Deren Perspektive ermöglicht den Blick über den Rand oder besser: den Abgrund der Exekutionsgruben. Angesichts des Ausmaßes dieses Genozids ist es erstaunlich, wie klein auch in diesem Fall die Zahl der eigentlichen Täter blieb. Ende 1941 waren nicht mehr als 26 Bataillone der Ordnungspolizei in der Sowjetunion im Einsatz; ihre Stärke umfaßte rund 12000 Mann. Doch gelang es diesen, eine beispiellose Schreckensherrschaft zu errichten, der nicht nur Juden zum Opfer fielen. Es gab Bataillone, welche den Tod von über 60000 Menschen zu verantworten hatten. Möglich wurde dies nur, weil dieser Teil der deutschen Polizei in ein viel umfassenderes Netzwerk aus SS, Zivilverwaltung, Wehrmacht oder Kollaborateuren eingebunden war, das erst in dieser Kombination seine mörderische Wirkung entfalten konnte.

          Aller ideologischen Indoktrinierung zum Trotz waren die Polizisten von ihrer Herkunft und Sozialisation eigentlich kaum für die Rolle der Massenmörder prädestiniert. Da aber Heinrich Himmler über zwei Schlüsselpositionen verfügte, der des Reichsführers SS und des Chefs der deutschen Polizei, kam es, daß man eine alte bewährte Institution in dieser extremen Weise mißbrauchen konnte. Dem wollten sich nur sehr wenige Polizisten widersetzen; als etwa der Leutnant Dr. Hornig zornig wie vergeblich die Aktion "Hasenschießen" (die Liquidierung von 780 sowjetischen Kriegsgefangenen) aufzuhalten suchte, kostete ihn das nicht nur die Stellung. Er wurde zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt und ins KZ Buchenwald überstellt.

          Viel häufiger waren jene, die gerne töteten oder zumindest doch voll Überzeugung: "Säuglinge flogen in großem Bogen durch die Luft, und wir knallten sie schon im Fliegen ab, bevor sie in die Grube und ins Wasser flogen. Nur weg mit dieser Brut, die ganz Europa in den Krieg gestürzt hat . . .", schrieb ein Polizeisekretär aus Wien im Oktober 1941 nach Hause. Berichtet wird von einem Fall, wo jüdische Kinder zum Geschlechtsverkehr mit Polizeihunden gezwungen wurden, bevor man sie exekutierte.

          Am größten scheint aber - faßt man die Ausführungen des Autors zusammen - jene Gruppe unter den Tätern gewesen sein, die weder in der einen noch in der anderen Richtung auffiel, die gewöhnlich nur auf Befehl handelte und die sich nur langsam an die nicht abreißenden Massaker gewöhnte. Genau das erscheint am beunruhigendsten: eine mehr oder weniger stark ausgeprägte ideologische Nähe zum Regime, eine halbmilitärische Ordnung und der Druck der Gruppe reichten aus, um aus den Vertretern von Recht und Ordnung Verbrecher zu machen, wie sie in der Geschichte nur selten vorkommen.

          Die Polizei des "Dritten Reichs" war lange ein Stiefkind der Forschung. Daß gerade sie eine Schlüsselfunktion in der Schoa übernahm, war nur den Spezialisten bekannt. Erst mit den Büchern von Christopher Browning und Daniel Goldhagen begann sich das zu ändern. Danach gewann auch das dunkelste Kapitel der deutschen Polizeigeschichte langsam an Konturen. Doch gibt es kaum eine Studie, die von ihrer Quellenbasis und ihrem Informationsgehalt mit dem Werk Curillas verglichen werden kann. Angesichts der Publikationswut der zeitgeschichtlichen Forschung sind Standardwerke selten geworden. Als unentbehrliches Nachschlagewerk wäre "der Curilla" dazu aber prädestiniert.

          CHRISTIAN HARTMANN

          Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941-1944. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2006. 1041 Seiten, 68,- [Euro].

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