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: Überholte Zweideutigkeit

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In Israel vergeht kaum ein Tag, an dem nicht vom iranischen Atomwaffenprogramm die Rede ist. Über die eigenen Nuklearwaffen herrscht dagegen Schweigen - seit mehr als 40 Jahren. In den israelischen Medien lässt der Militärzensor nur Meldungen über das Thema passieren, die sich auf "ausländische Presseberichte" ...

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          In Israel vergeht kaum ein Tag, an dem nicht vom iranischen Atomwaffenprogramm die Rede ist. Über die eigenen Nuklearwaffen herrscht dagegen Schweigen - seit mehr als 40 Jahren. In den israelischen Medien lässt der Militärzensor nur Meldungen über das Thema passieren, die sich auf "ausländische Presseberichte" als Quelle berufen, obwohl Israel zu den ersten atomar bewaffneten Staaten der Welt gehört. Internationale Fachleute schätzen, dass das kleine Land zwischen 100 und mehr als 200 nukleare Gefechtsköpfe besitzt.

          Atomare Zweideutigkeit nennt man in Israel den Umgang mit den Nuklearwaffen, deren Besitz bisher keine Regierung offiziell zugegeben hat. Für Avner Cohen ist es das "am schlechtesten gehütete Geheimnis", das Israel nach seiner Ansicht mittlerweile mehr schadet als nutzt: Diese Undurchsichtigkeit lasse sich nicht mit einer modernen Demokratie und internationalen Bemühungen um Abrüstung vereinbaren, meint der israelische Wissenschaftler, der seit langer Zeit in den Vereinigten Staaten lebt. Cohen hatte schon mit seinem ersten Buch "Israel und die Bombe" Ende der neunziger Jahre das staatlich verordnete Schweigen gebrochen. Jahrelang wagte er nicht, nach Israel zurückzukehren, weil ihm dort eine Anklage wegen Geheimnisverrats drohte. Wie schonungslos die israelische Justiz mit denjenigen umgeht, die den Schleier über dem geheimen Programm lüften, zeigt das Beispiel des israelischen Atomtechnikers Mordechai Vanunu, der zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde, nachdem er zum ersten Mal den geheimen Atomrekator in Dimona öffentlich gemacht hatte.

          Cohen hat keine Geheimnisse verraten, sondern in seinem Buch vor allem neues amerikanisches Archivmaterial genutzt, um den israelischen Weg zur Bombe aufzeigen; der weist Parallelen zu Iran auf. Wenige Jahre bevor Israel die Schwelle zur Atombombe überschritt, versuchte der damalige Ministerpräsident David Ben Gurion noch Präsident John F. Kennedy zu beruhigen und behauptete, das israelische Atomprogramm diene nur friedlichen Zwecken. Seit den fünfziger Jahren hatte sich jedoch der erste israelische Regierungschef um Nuklearwaffen bemüht, um einen "neuen Holocaust" durch die arabischen Feinde zu verhindern; der heutige Staatspräsident Schimon Peres war dabei sein engster Mitarbeiter. An Kritik fehlte es damals nicht. Israelische Politiker wie Jigal Alon, die damals zum kleinen Kreis der Eingeweihten gehörten, sahen die eigene Bombe skeptisch. Sie fürchteten den Beginn eines atomaren Wettrüstens mit den Arabern. Heute ist es Präsident Peres, der angesichts des iranischen Atomprogramms immer wieder vor einem solchen Rüstungswettlauf warnt.

          Spätestens zu Beginn des Sechs-Tage-Krieges 1967 war Israel wahrscheinlich schon atomar bewaffnet. Präsident Richard Nixon und sein Sicherheitsberater Henry Kissinger sahen 1969 keine andere Möglichkeit mehr, als sich mit den israelischen Atomwaffen abzufinden. Jetzt sei nur noch möglich, die Israelis "zu überreden, geheimzuhalten, was sie haben", schrieb Kissinger in einem vor kurzem freigegebenen Vermerk an Nixon. Im September 1969 einigten sich dann Nixon und die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir auf ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Israel werde seine Atomwaffen nicht testen, bekannt machen oder mit ihnen drohen. Amerika werde dafür die israelischen Atomwaffen tolerieren, die bisherigen Kontrollen beenden und nicht auf Abrüstung dringen.

          Schon vier Jahre später sprach sich Verteidigungsminister Mosche Dajan zu Beginn des Jom-Kippur-Kriegs 1973 für eine "nukleare Demonstration" aus. Er fürchtete eine israelische Niederlage und wollte mit einer solchen Aktion die amerikanische Regierung auf die dramatische Lage aufmerksam machen", schreibt Cohen. Ministerpräsidentin Meir und mehrere Kabinettsmitglieder wiesen seinen Vorschlag jedoch als verfrüht zurück. Bei drei Gelegenheiten sei aber später während des Krieges noch "strategischer Alarm" ausgelöst worden - eine Umschreibung dafür, dass Atomraketen für einen Einsatz vorbereitet wurden. Damals habe sich bereits gezeigt, dass die Nuklearwaffen vielleicht als Drohpotential taugten, aber praktisch nicht einsetzbar seien, schreibt Cohen.

          Wie 1973 Golda Meir dürfte nach seiner Einschätzung auch heute noch der Ministerpräsident das letzte Wort über einen Einsatz der Atomwaffen haben. Eine Entscheidung werde aber wohl nur gemeinsam mit dem Verteidigungsminister fallen. Der Kreis der Geheimnisträger, die Cohen mit einer "nuklearen Priesterschaft" vergleicht, ist sehr klein und wird von Malmab, dem vielleicht geheimsten Geheimdienst, und der Zensurbehörde geschützt. Alle Beteiligten hätten sich bisher als verantwortungsbewusst erwiesen. In einer Demokratie lasse sich jedoch auf Dauer mit dieser Geheimnistuerei kein "gesunder" Entscheidungsprozess aufrechterhalten, mahnt Cohen. Auch das internationale Ansehen Israels könne in einer Welt längerfristig Schaden nehmen, die sich immer stärker für nukleare Abrüstung einsetzt.

          In Israel fordern bisher jedoch nur wenige eine neue atomare Offenheit; die meisten halten die bisherige Politik für einen Erfolg. Angesichts des iranischen Atomprogramms und ohne einen umfassenden Frieden im Nahen Osten hält auch Cohen einen Kurswechsel derzeit für unwahrscheinlich. Gleichzeitig macht aber die israelische Verschleierungspolitik Schule. Viel spricht nach Cohens Meinung dafür, dass Iran ebenfalls fürs Erste die internationale Gemeinschaft im Unklaren darüber lassen werde, ob es Atomwaffen besitzt oder nicht.

          HANS-CHRISTIAN RÖSSLER

          Avner Cohen: The Worst-Kept Secret . Israel's Bargain With the Bomb. Columbia University Press, Oktober 2010 (370 Seiten, 35 Dollar).

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