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: Tüchtig ist, wer vergisst...

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Für Wladimir Putin endet die Freiheit des Wortes dort, wo Journalisten von der Linie der Staatspropaganda abweichen. So weit, so bedenklich. Beklemmender noch: Dutzende russischer Redakteure und Reporter, die sich an diese Vorgabe nicht gehalten haben, mussten solche Unbotmäßigkeit mit dem Leben ...

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          Für Wladimir Putin endet die Freiheit des Wortes dort, wo Journalisten von der Linie der Staatspropaganda abweichen. So weit, so bedenklich. Beklemmender noch: Dutzende russischer Redakteure und Reporter, die sich an diese Vorgabe nicht gehalten haben, mussten solche Unbotmäßigkeit mit dem Leben bezahlen, ohne dass auch nur eine einzige der Mordtaten hinreichend aufgeklärt worden wäre. Daran nachdrücklich zu erinnern, drängt sich jedem, der Putins Russland zu beschreiben und zu analysieren versucht, geradezu auf. Auch der Autor dieses Buches lässt es hier an Deutlichkeit nicht fehlen. Die Frage ist nur, wie er da dem russischen Präsidenten zugleich eine traditionell positive Einstellung zu deutschen Werten bescheinigen zu können glaubt? Seine Antwort: deutsche Tüchtigkeit.

          Ob Roland Haug das auch in diesem Fall für wirklich tugendhaft hält, lässt er zumindest offen. Ähnliches gilt für die Absicht seiner historischen Vergleiche, die er damit verbindet. Denn nicht nur Putin, schon Lenin "war von der Tüchtigkeit der Deutschen zutiefst überzeugt". Und das nicht von ungefähr, hatte er doch "eine fromme schwäbische Mutter namens Maria Blank" und war mithin "erblich vorbelastet". Nicht genug damit: Auch Stalins angeblicher Respekt vor deutscher Tüchtigkeit war, folgt man dem Autor, zum Teil familiären Gründen zuzuschreiben. Wie das? Nun ja, die Großmutter seiner zweiten, von ihm in den Tod getriebenen Frau Nadeschda, eine gewisse Magdalena Aichholz aus Württemberg, "schwätzte Schwäbisch und besaß im Kaukasus eine Bierschänke".

          Weiterblättern? Wer sich dazu entschließt, wird nach den mehr als eigentümlichen deutsch-russischen Reminiszenzen zum Auftakt des Buches immerhin nach wenigen Seiten auf eine ebenso sachliche wie informative Beschreibung der Zustände, nein, nicht der in Russland, sondern vorab jener in der Ukraine stoßen. Moskau und Kiew: Da gibt es in der Tat geschichtliche Bindungen, die nicht wenige Ukrainer auch sechzehn Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion immer noch als schmerzhafte Fesseln empfinden. Haug widmet dem Thema denn fünfzig Seiten, obwohl im Untertitel der "Kreml AG" allein von Putin, Russland und den Deutschen die Rede ist. Ein weiterer Schwerpunkt ist Tschetschenien, das leider immer weniger internationales Interesse findet. Putin hat dort mit Ramsan Kadyrow eine der finstersten Figuren zum Statthalter gemacht. Und überhaupt: Nicht zuletzt dank seiner Rolle als Kriegsherr gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Tschetschenen ist der russische Präsident vor bald acht Jahren überhaupt erst zum Hausherrn des Kremls geworden. Damals hatte er es bereits zum Regierungschef gebracht - und nicht erst, wie der Autor schreibt, zum Geheimdienstchef. Zudem war es nicht irgendjemand, der Putin zum Präsidenten machte, sondern diese Entscheidung durfte und darf sehr wohl dem unlängst gestorbenen Boris Jelzin zugeschrieben werden, auch wenn er seinerzeit "mehr und mehr handlungsunfähig" gewesen sein mag.

          Bei aller Inkompetenz, die Haug dem ersten frei gewählten Präsidenten Russlands unterstellt, schränkt er zu dessen Gunsten freilich ein, dass es während Jelzins Herrschaft weniger Bestechlichkeit gegeben habe, als sie mittlerweile unter Nachfolger Putin gang und gäbe sei. Hier wird vor allem auf eine vom Geheimdienst getragene Bürokratenkaste verwiesen, die im Zuge des Erdöl- und Erdgasbooms unzweifelhaft enorme wirtschaftliche Macht gewonnen hat. Ergo brauche Russland im Gegenzug "eine starke Hand". Ja was denn nun? Gibt es die nicht längst? Der Autor lässt einerseits Andrej Illarionow, den angesehenen ehemaligen Wirtschaftsberater Putins, mit Warnungen vor den zunehmend autokratischen Tendenzen der Kremlführung zu Wort kommen. Andererseits hingegen sähen vor allem deutsche Unternehmer in Putin einen entschlussfähigen Politiker, der für Stabilität und Ordnung in Russland eintrete. Ein Widerspruch ist das nicht. Wohl aber wird selbst russische Kritik an russischen Zuständen von westlichen Geschäftsleuten, von deutschen zumal, gewöhnlich als störend und lästig empfunden. Dass in Putins "Modernisierungsdiktatur" kein Platz für eine demokratische Zivilgesellschaft sei, wie Haug konkludiert, ist kaum länger zu bestreiten. Doch was in aller Welt hat das mit seinem angeblichen Hang zu deutscher Tüchtigkeit zu tun?

          WERNER ADAM

          Roland Haug: Die Kreml AG. Putin, Russland und die Deutschen. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2007. 292 S., 19,90 [Euro].

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