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: Träger von Hitlers Gewaltpolitik

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Schon zwei Jahrzehnte vor der umstrittenen Wanderausstellung "Verbrechen der Wehrmacht", die 1995 das Thema medienwirksam an die Öffentlichkeit bringen sollte, hatte der Kölner Historiker Andreas Hillgruber festgestellt, dass die Wehrmachtführung direkt oder indirekt "in die Verantwortung für den Ausrottungskrieg ...

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          Schon zwei Jahrzehnte vor der umstrittenen Wanderausstellung "Verbrechen der Wehrmacht", die 1995 das Thema medienwirksam an die Öffentlichkeit bringen sollte, hatte der Kölner Historiker Andreas Hillgruber festgestellt, dass die Wehrmachtführung direkt oder indirekt "in die Verantwortung für den Ausrottungskrieg singulärer Art hineingezogen wurde, den Hitler, alle kriegsrechtlichen Normen beiseiteschiebend, auf dem Territorium der Sowjetunion" geführt habe. Daraufhin entwickelte sich allmählich eine immer intensivere Forschung, die wichtige Aspekte des Themas auf breiter Aktenbasis erhellte. Unter anderem behandelte man die verbrecherischen Befehle der obersten militärischen Führung in der Vorbereitung des Angriffs auf die Sowjetunion, das mörderische Wirken der Einsatzgruppen des SD und deren Unterstützung durch Heeresdienststellen oder die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen. Vor allem aber wurde die direkte Beteiligung von Führung und Verbänden der Wehrmacht nachgewiesen. Seither wurden im In- und Ausland neue Quellenbestände erschlossen. Das ermöglichte zahlreiche weitere, thematisch oder regional spezialisierte Studien.

          Das im Rahmen des Ende der neunziger Jahre initiierten Forschungsprojektes "Die Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur" des Münchener Instituts für Zeitgeschichte entstandene Buch von Dieter Pohl stellt nun einen Meilenstein dar. Die Arbeit besticht durch einen multiperspektivischen Ansatz, durch nachdrückliches Bemühen um Differenzierung, durch Verweis auf die unterschiedliche Reichweite der Forschungsergebnisse und durch abwägende Interpretation. Erstmals analysiert der Verfasser auf der Basis neuer Quellen und unter Verarbeitung der Ergebnisse der internationalen Forschung umfassend die Behandlung von Zivilisten und Kriegsgefangenen im Verantwortungsbereich der Wehrmacht, also in den Kampfzonen und in den rückwärtigen Armee- und Heeresgruppengebieten des eroberten sowjetischen Territoriums. Sein Ergebnis: Die Wehrmacht war als Besatzungsmacht vom ersten Tag des Feldzuges an einer der Träger der nationalsozialistischen Gewaltpolitik. Die militärische Besatzungsherrschaft unterschied sich kaum von jener der nazifizierten Zivilverwaltung in den "Reichskommissariaten" Ostland und Ukraine. Die Militärverwaltung und die operativen Verbände waren in den Ausbeutungs-, Unterwerfungs- und Vernichtungsapparat weitgehend integriert.

          Pohl belegt eindrucksvoll, wie die gewalttätige Herrschaftspraxis der Militärbehörden gegenüber der Bevölkerung bereits in der Planungsphase und dann mit Beginn des Feldzuges an vorgezeichnet war. Eingehend untersucht er die Rolle der Wehrmacht bei der auf einem inhumanen "Hungerkalkül" beruhenden Ernährungspolitik, beim Massensterben der Kriegsgefangenen, bei der Ermordung der Juden sowie die verheerenden Auswirkungen des Kampfes gegen die Partisanenbewegung auf die Bevölkerung. Dabei zeigte sich "ein weitgehender Konsens hinsichtlich des ,Gegnerbildes' und der Ausübung von Gewalt" zwischen SD, Polizei und Wehrmacht, "wenn auch Differenzen über das Ausmaß" zu verzeichnen sind. Je länger der Ostkrieg dauerte, desto häufiger ergaben sich schwerwiegende Zielkonflikte zwischen den Anforderungen einer rücksichtslosen ökonomischen Ausbeutung von Bevölkerung und Ressourcen der besetzten Gebiete einerseits und der Ruhigstellung und Sicherung des Hinterlandes für die Erfordernisse militärischer Operationsführung anderseits.

          Bemerkenswert ist die Arbeit erstens durch ein Bemühen um Differenzierung. Die Härte der Besatzung - so Pohl - hing von mehreren Faktoren ab. Innerhalb des grundsätzlichen Rahmens einer gewollt rücksichtslosen Unterwerfungs-, Ausbeutungs- und partiellen Vernichtungspolitik lassen sich räumliche Unterscheidungen und eine ethnisch-rassistische Klassifizierung einzelner Bevölkerungsgruppen feststellen: gegen Russen ging man brutaler vor als gegen Teile der Bevölkerung in den Randgebieten der Sowjetunion (Baltikum beziehungsweise Kaukasus). Juden und Kommunisten galten faktisch als vogelfrei. Städtische Bewohner wurden insgesamt härter betroffen als die ländliche Bevölkerung. Der SS- und Polizeiapparat, speziell die Sicherheitspolizei, war "im Regelfall . . . erheblich brutaler als Wehrmachtdienststellen und -einheiten". Innerhalb der Wehrmacht lässt sich allerdings "tendenziell ein Unterschied zwischen Wirtschaftsorganisation, Sicherungs- und Fronttruppen im Vorgehen gegenüber der Zivilbevölkerung erkennen ... Im konkreten Geschehen unterschied sich das Verhalten der Wehrmachtdienststellen durchaus", was meist "in der Einstellung ihres Führungspersonals begründet" lag, das oft erhebliche Entscheidungsmöglichkeiten hatte.

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