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: Tarnname Wismut

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"Wir haben Berge versetzt, um Blumen zu pflanzen." Viele Besucher der erst jüngst eröffneten 28. Bundesgartenschau (BUGA 2007) in Gera und Ronneburg werden diesen Satz für einen der üblichen Werbeslogans halten. Doch er ist völlig zutreffend. Noch vor wenigen Jahren galten die beiden Spitzkegelhalden, ...

          "Wir haben Berge versetzt, um Blumen zu pflanzen." Viele Besucher der erst jüngst eröffneten 28. Bundesgartenschau (BUGA 2007) in Gera und Ronneburg werden diesen Satz für einen der üblichen Werbeslogans halten. Doch er ist völlig zutreffend. Noch vor wenigen Jahren galten die beiden Spitzkegelhalden, die der Uranerzbergbau in unmittelbarer Nähe von Ronneburg hinterlassen hatte, als unverwechselbare Wahrzeichen der kleinen ost-thüringischen Stadt. Inzwischen zeigt sich die "neue Landschaft Ronneburg" als Ort tiefgreifenden Wandels: Aus einer durch den Bergbau zur Abraumhalde verkommenen Region ist durch ökologische Renaturierung wieder neuer Nutzraum entstanden. Ronneburg ist freilich nur der westlichste Teil des in der ehemaligen DDR betriebenen Uranabbaus gewesen; auf sächsischer Seite wurde die Gewinnung dieses strategisch wichtigen Erzes bis östlich von Dresden vorgenommen.

          Es war die Wismut, die bis Ende 1990 mehr als 26 000 Beschäftigte zählte. Inzwischen sind bei dem zu einer GmbH umgewandelten Unternehmen weniger als 10 Prozent noch in Lohn und Brot. Wer oder was war eigentlich die Wismut, fragen sich manche, vor allem westdeutsche Besucher der BUGA 2007? Rainer Karlsch hat jetzt dazu eine umfassende Studie vorgelegt, die alle Facetten der jüngeren Welt- und Zeitgeschichte enthält. Denn ihr Ursprung setzt mit dem Wettlauf um die Atombombe ein, deren Abwurf auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945, kurz nach der Potsdamer Konferenz, den Zweiten Weltkrieg endgültig beendete. Der Schock, die Bombe noch nicht selbst zu besitzen und damit gegenüber den Vereinigten Staaten strategisch ins Hintertreffen zu geraten, führte auf sowjetischer Seite zu hektischer Betriebsamkeit. Nur wenige Tage nach den verheerenden Bombenabwürfen setzte Stalin einen Sonderstab ein, um in kürzester Zeit eine eigene A-Bombe zu entwickeln. Diesem Ziel wurde alles andere untergeordnet. Nachdem es in der Sowjetunion selbst zu wenige, ausbaufähige Uranlagerstätten gab, fügte es sich für die sowjetische Besatzungsmacht glücklich, dass sie mit Mitteldeutschland genau die Region unter ihre Verfügungsgewalt bekommen hatte, in der die reichsten Uranvorkommen vorhanden waren - das Erzgebirge.

          Nach hastigen geologischen Erkundungen begann bereits im Frühjahr 1946 der Abbau, nicht selten im wahrsten Sinn des Wortes im Vorgarten. Denn auf bauliche Gegebenheiten wurde keine Rücksicht genommen. Fördertürme wurden, wie beispielsweise im Kurbad Schlema, mitten im Ortskern errichtet, Abraumhalden schütteten Wohnhäuser zu, durch den unzureichend gesicherten Stollenvortrieb stürzten ganze Gebäude ein. Unter dem Tarnnamen Wismut entstand ein Staat im Staate, voll in sowjetischem Besitz, dessen immense Kosten als Reparationsleistung abgerechnet wurden. Bis zu ihrem Ende sollte das die DDR rund 25 Milliarden Mark kosten. Da war es nur ein schwacher Trost, dass sie immerhin den dritten Platz in der Welturanproduktion einnahm und zwischen 1946 und 1990 insgesamt 231 000 Tonnen Uran produzierte.

          Ohne das Uran aus dem Erzgebirge hätte die Sowjetunion den atomaren Rüstungswettlauf nicht aufholen können. Ebenso rücksichtslos wie mit dem Land wurde auch mit den Leuten umgegangen. Anfangs wurden Arbeiter zwangsverpflichtet und drakonisch überwacht. Und obwohl längst bekannt war, dass der Abbau von Uranerz hohe Gesundheitsrisiken barg, insbesondere durch radioaktive Strahlung, kontaminierten Staub und Blei, wurden demgegenüber keine Schutzmaßnahmen ergriffen. Hohe Krebserkrankungsraten aufgrund von Strahlungsschäden waren die Folge und wirken bis heute nach. Bis zur Wende verfälschten die Gesundheitsbehörden der DDR Umweltdaten oder spielten alle Gefahren herunter. Demgegenüber wurden die schweren ökologischen Belastungen als "Preis des Fortschritts" bezeichnet, ging es doch immer nur um "Erz für den Frieden". Und natürlich verfolgte die Stasi jedweden Protest. Erst als die "wilde Phase" des Raubbaus Mitte der fünfziger Jahre vorbei war, gelang es, eine qualifizierte und motivierte Arbeiterschaft aufzubauen. Spitzenlöhne, besondere Zulagen und der Stolz auf alte, bergmännische Traditionen führten zur Identifikation mit der Wismut. Ende der siebziger Jahre zeichnete sich ab, dass es mit dem Uranbergbau zu Ende ging. Der Weltmarktpreis fiel, die Urangewinnung wurde schwieriger, das Menetekel von Tschernobyl (1986) geschah.

          Nach 1989 waren die Tage der Wismut gezählt. Im Mai 1991 schlossen die Sowjetunion und die Bundesrepublik ein Abkommen zur Beendigung der Tätigkeit der Wismut. Sie wurde in ein Sanierungsunternehmen umgebaut, begleitet von rasantem, aber unumgänglichem Personalabbau. Das ging nicht ohne Komplikationen und Streiks ab. Bis zum Jahr 2010 werden die notwendigen Sanierungsmaßnahmen 13 Milliarden Euro kosten. Viel Lob für diese gigantische Rekultivierungsleistung hört man nicht. Doch vielleicht ändert sich das durch die BUGA 2007? Mit der Geschichte der Wismut ist Karlsch eine gut recherchierte, flüssig geschriebene Darstellung deutsch-sowjetischer Zeitgeschichte gelungen, die im wiedervereinten Deutschland noch immer zu wenig bekannt ist.

          GÜNTHER HEYDEMANN

          Rainer Karlsch: Uran für Moskau. Die Wismut - Eine populäre Geschichte. Christoph Links Verlag, Berlin 2007. 275 S., 14,90 [Euro].

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