https://www.faz.net/-gqz-150et

: Superlative der Zeitgeschichte

  • Aktualisiert am

Historiker neigen zur Wiederentdeckung schon entdeckter Kontinente. Dabei wird Bekanntes entweder in neue Begriffe gekleidet oder aber schlichtweg als neue Erkenntnis verkauft, indem man bereits Gedachtes und Gedrucktes souverän ignoriert. Manchmal mag es auch durchaus sinnvoll sein, dem großen Publikum etwas als vermeintliche Sensation näherzubringen, was die Wissenschaft längst weiß.

          4 Min.

          Historiker neigen zur Wiederentdeckung schon entdeckter Kontinente. Dabei wird Bekanntes entweder in neue Begriffe gekleidet oder aber schlichtweg als neue Erkenntnis verkauft, indem man bereits Gedachtes und Gedrucktes souverän ignoriert. Manchmal mag es auch durchaus sinnvoll sein, dem großen Publikum etwas als vermeintliche Sensation näherzubringen, was die Wissenschaft längst weiß. Der britische Osteuropa-Historiker Norman Davies erhebt den Anspruch einer grundlegenden Neubewertung des Zweiten Weltkrieges in Europa. Seine Kernthese ist: Der Krieg wurde ganz überwiegend im Osten geführt, wo sich nicht "Gut" und "Böse", sondern zwei kriminelle Ideologien gegenüberstanden, eine "tödliche Fehde zwischen Verbrechern", die am Ende zur sowjetischen Gewaltherrschaft über halb Europa führte.

          Diese Interpretation bildet einen gewissen Kontrapunkt zur angelsächsischen Erinnerungskultur mit ihrer Fixierung auf westliche Kriegsereignisse und ihrer Verharmlosung des sowjetischen Bundesgenossen. Aber ist die Entdeckung des Ostens und des roten Terrors wirklich neu? Stößt man in New York, London und Berlin noch auf ungläubiges Staunen, wenn man erklärt, dass die stalinistische Sowjetunion Massenverbrechen zu verantworten hatte und sich der Krieg im Osten entschied? Und ist die Geschichtsschreibung so einseitig und tendenziös, wie Davies das in scharfen Wendungen unterstellt? Davon kann keine Rede sein. Der Unrechtscharakter des Stalinismus? Längst anerkannt und seit Öffnung der sowjetischen Archive intensiv erforscht. Der deutsch-sowjetische Krieg? Seit zwanzig Jahren im Fokus der Weltkriegsforschung, besonders der deutschen, die der Autor geflissentlich übersieht. Die Ambivalenz der "Befreiung" zigfach thematisiert und nur noch unter Alt- und Postkommunisten strittig. Auch ist das gesammelte Wissen in Ausstellungen und Medien inzwischen hinreichend in die Öffentlichkeit vermittelt worden. Nachholbedarf besteht teilweise noch in Russland, wo eine "patriotische" Geschichtspolitik den Blick auf die dunklen Seiten der Vergangenheit versperren will. Doch im englischsprachigen und erst recht im deutschsprachigen Raum rennt Davies offene Türen ein.

          Der Selbstanspruch innovativer Analyse und die damit verbundene Kollegenschelte stehen im Gegensatz zur Substanz des Werkes. Die Darstellung ist konventionell und deskriptiv, manchmal geistreich, oft ermüdend und leider nicht ohne viele sachliche Fehler. Chronologischen Kapiteln über die Kriegführung und Politik, die nichts Neues bringen, folgen Abschnitte über Soldaten, Zivilisten und die Perzeptionsgeschichte des Krieges. Diese Kapitel sind verkappt lexikalisch angelegt, was nicht wundert, ist doch eine wesentliche Grundlage das nicht mehr ganz taufrische "Oxford Companion to the Second World War" von 1995. Drei Seiten Partisanen stehen neben drei Seiten Bürgerkrieg und vier Seiten Sklavenarbeit. Adelige, Attentäter, Bankiers, Zuschauer, Kinder, Geistliche, Kollaborateure, Kommunisten und Kriminelle werden in dieser Reihenfolge in knappen Schlaglichtern vorgestellt, bevor Kulturfunktionäre, Diplomaten, Enteignete, Unterhaltungskünstler und viele andere mehr auftreten. Alles wird kurz angetippt, mit teils erschütternden, teils originellen, teils unpassenden Geschichten gewürzt, aber nirgends eingehender behandelt, geschweige denn analysiert. Davies will die ungeheure Vielfalt der Ereignisse und Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zeigen. Von diesem ambitionierten Anliegen bleibt nicht viel mehr als der Eindruck von Beliebigkeit und Oberflächlichkeit. Zahllose Details ergeben noch lange nicht die vom Verlag angekündigte "grandiose Gesamtdarstellung".

          Bemerkenswert, aber auch nicht gerade erkenntnisfördernd sind die ständigen interpretatorischen Fingerzeige und Andeutungen, die überwiegend in dieselbe Richtung gehen. Der Krieg, so will uns Davies vermitteln, wurde von allen Seiten grausam geführt (stimmt!): Die Westalliierten waren schlimm (Bombenkrieg), die Deutschen schlimmer (Holocaust), aber am schlimmsten waren die Stalinisten. Eine seiner Grundfloskeln lautet: "Doch der absolute Spitzenreiter war auch in dieser Beziehung die Sowjetunion." Davies will "objektiv" vergleichen, um diese Aussage zu stützen, und er vergleicht ständig, kreuz und quer, hin und her, mit den fragwürdigsten Zeitsprüngen und Entkontextualisierungen. Das Ergebnis sind Superlative der Zeitgeschichte: Workuta war das größte Konzentrationslager, die Versenkung der "Wilhelm Gustloff" die opferreichste Schiffskatastrophe, Katyn das schrecklichste Massaker an Kriegsgefangenen und so weiter. Der Bildteil unterstützt die Suggestion: Workuta über Auschwitz, Dresden über Bergen-Belsen und als Beispiele für Massenmord: Katyn und Nemmersdorf.

          Da überrascht es kaum mehr, dass Davies unter den deutschen Autoren nur Ernst Nolte gelten lässt und gegen die bundesdeutsche "Selbstgeißelung" polemisiert. "Radikale mit rosa Brille" hätten unser Geschichtsbild geprägt. Namentlich angeprangert werden Jürgen Habermas und der Holocaust-Überlebende Marcel Reich-Ranicki, bei dem es Davies einzig für erwähnenswert hält, dass er für die stalinistische Geheimpolizei gearbeitet habe. Wiederholt werden die Opfer für die an ihnen begangenen Verbrechen mitverantwortlich gemacht. So verweist der Autor mit auffälligem Nachdruck auf die jüdischen Kollaborateure am Holocaust und begründet das Massensterben im belagerten Leningrad zuerst mit dem sowjetischen Widerstand. In solchen und anderen Fällen wird die von Davies beanspruchte doppelte Wahrheit eine Geschichtsklitterung, mit der die ursächliche Verantwortung des deutschen Aggressors und seines Vernichtungswillens vernebelt wird. Was sollen all die schiefen Vergleiche und merkwürdigen Umdeutungen? Vielleicht stellt sich der Autor als Polen-Spezialist in den Trend einer bestimmten Geschichtspolitik, die den postkommunistischen Staaten in Ostmitteleuropa ein etwas einseitiges Identitätsangebot als Opfer des Stalinismus machen will. Das Ergebnis ist aber vor allem eine grob vereinfachende Darstellung, die, anders als deklariert, nichts zu einem ausgewogenen Gesamtbild des Zweiten Weltkrieges jenseits verengter nationalstaatlicher Perspektiven beitragen kann.

          JOHANNES HÜRTER

          Norman Davies: Die große Katastrophe. Europa im Krieg 1939-1945. Aus dem Englischen von Harald Stadler. Verlag Droemer/Knaur, München 2009. 847 S., 36,- [Euro].

          Weitere Themen

          Preisverleihung in Pandemie-Zeiten Video-Seite öffnen

          Oscars 2021 : Preisverleihung in Pandemie-Zeiten

          Wegen der Corona-Pandemie ist bei der 93. Oscar-Gala vieles anders als sonst. Unter anderem wurde sie von Februar auf April verschoben - und sie soll an mehreren Orten stattfinden. Für einige Nominierte hat die Ausnahmesituation aber vielleicht sogar einen Vorteil.

          Topmeldungen

          Intensivpflegerinnen versorgen auf der Intensivstation am Klinikum Braunschweig einen an Covid-19 erkrankten Patienten.

          Corona in Deutschland : 29.500 Neuinfektionen, Inzidenz bleibt gleich

          Das Robert-Koch-Institut registriert etwa gleich viele neue Fälle wie vor einer Woche, in der aktuellen Zahl könnten jedoch Nachmeldungen aus NRW enthalten sein. 259 neue Todesfälle wurden verzeichnet. Die Sieben-Tage-Inzidenz bleibt gleich.
          Der Schriftsteller Philip Roth 2010 in New York

          Wettstreit der Biographen : Die Gegenleben des Philip Roth

          Er wünschte sich eine Biographie, die nicht nur seine Sexualität beschreibt. Drei Jahre nach Philip Roths Tod sind zwei erschienen. Erfüllen sie den Wunsch?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.