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: Superlative der Zeitgeschichte

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Historiker neigen zur Wiederentdeckung schon entdeckter Kontinente. Dabei wird Bekanntes entweder in neue Begriffe gekleidet oder aber schlichtweg als neue Erkenntnis verkauft, indem man bereits Gedachtes und Gedrucktes souverän ignoriert. Manchmal mag es auch durchaus sinnvoll sein, dem großen Publikum etwas als vermeintliche Sensation näherzubringen, was die Wissenschaft längst weiß.

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          Historiker neigen zur Wiederentdeckung schon entdeckter Kontinente. Dabei wird Bekanntes entweder in neue Begriffe gekleidet oder aber schlichtweg als neue Erkenntnis verkauft, indem man bereits Gedachtes und Gedrucktes souverän ignoriert. Manchmal mag es auch durchaus sinnvoll sein, dem großen Publikum etwas als vermeintliche Sensation näherzubringen, was die Wissenschaft längst weiß. Der britische Osteuropa-Historiker Norman Davies erhebt den Anspruch einer grundlegenden Neubewertung des Zweiten Weltkrieges in Europa. Seine Kernthese ist: Der Krieg wurde ganz überwiegend im Osten geführt, wo sich nicht "Gut" und "Böse", sondern zwei kriminelle Ideologien gegenüberstanden, eine "tödliche Fehde zwischen Verbrechern", die am Ende zur sowjetischen Gewaltherrschaft über halb Europa führte.

          Diese Interpretation bildet einen gewissen Kontrapunkt zur angelsächsischen Erinnerungskultur mit ihrer Fixierung auf westliche Kriegsereignisse und ihrer Verharmlosung des sowjetischen Bundesgenossen. Aber ist die Entdeckung des Ostens und des roten Terrors wirklich neu? Stößt man in New York, London und Berlin noch auf ungläubiges Staunen, wenn man erklärt, dass die stalinistische Sowjetunion Massenverbrechen zu verantworten hatte und sich der Krieg im Osten entschied? Und ist die Geschichtsschreibung so einseitig und tendenziös, wie Davies das in scharfen Wendungen unterstellt? Davon kann keine Rede sein. Der Unrechtscharakter des Stalinismus? Längst anerkannt und seit Öffnung der sowjetischen Archive intensiv erforscht. Der deutsch-sowjetische Krieg? Seit zwanzig Jahren im Fokus der Weltkriegsforschung, besonders der deutschen, die der Autor geflissentlich übersieht. Die Ambivalenz der "Befreiung" zigfach thematisiert und nur noch unter Alt- und Postkommunisten strittig. Auch ist das gesammelte Wissen in Ausstellungen und Medien inzwischen hinreichend in die Öffentlichkeit vermittelt worden. Nachholbedarf besteht teilweise noch in Russland, wo eine "patriotische" Geschichtspolitik den Blick auf die dunklen Seiten der Vergangenheit versperren will. Doch im englischsprachigen und erst recht im deutschsprachigen Raum rennt Davies offene Türen ein.

          Der Selbstanspruch innovativer Analyse und die damit verbundene Kollegenschelte stehen im Gegensatz zur Substanz des Werkes. Die Darstellung ist konventionell und deskriptiv, manchmal geistreich, oft ermüdend und leider nicht ohne viele sachliche Fehler. Chronologischen Kapiteln über die Kriegführung und Politik, die nichts Neues bringen, folgen Abschnitte über Soldaten, Zivilisten und die Perzeptionsgeschichte des Krieges. Diese Kapitel sind verkappt lexikalisch angelegt, was nicht wundert, ist doch eine wesentliche Grundlage das nicht mehr ganz taufrische "Oxford Companion to the Second World War" von 1995. Drei Seiten Partisanen stehen neben drei Seiten Bürgerkrieg und vier Seiten Sklavenarbeit. Adelige, Attentäter, Bankiers, Zuschauer, Kinder, Geistliche, Kollaborateure, Kommunisten und Kriminelle werden in dieser Reihenfolge in knappen Schlaglichtern vorgestellt, bevor Kulturfunktionäre, Diplomaten, Enteignete, Unterhaltungskünstler und viele andere mehr auftreten. Alles wird kurz angetippt, mit teils erschütternden, teils originellen, teils unpassenden Geschichten gewürzt, aber nirgends eingehender behandelt, geschweige denn analysiert. Davies will die ungeheure Vielfalt der Ereignisse und Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zeigen. Von diesem ambitionierten Anliegen bleibt nicht viel mehr als der Eindruck von Beliebigkeit und Oberflächlichkeit. Zahllose Details ergeben noch lange nicht die vom Verlag angekündigte "grandiose Gesamtdarstellung".

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