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: Stein des Anstoßes

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Zutreffend hat Jan Piskorski, Professor für vergleichende Geschichte Europas an der Universität Stettin, sein neues Buch als "Streitschrift" betitelt. Es handelt sich dabei um einen engagierten Beitrag zur Debatte um das vom Bund der Vertriebenen (BdV) angeregte und seither - trotz teilweise massiver Kritik ...

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          Zutreffend hat Jan Piskorski, Professor für vergleichende Geschichte Europas an der Universität Stettin, sein neues Buch als "Streitschrift" betitelt. Es handelt sich dabei um einen engagierten Beitrag zur Debatte um das vom Bund der Vertriebenen (BdV) angeregte und seither - trotz teilweise massiver Kritik von polnischer Seite - vorangetriebene Projekt eines "Zentrums gegen Vertreibungen" in Berlin. Die Position des Autors ist eindeutig: Er steht diesem Vorhaben ablehnend gegenüber, vor allem deshalb, weil er den BdV nicht als Garanten für eine dem Gedanken der Versöhnung der Völker verpflichtete europäische Konzeption sieht. Auch wenn man mit einiger Berechtigung gegen die Argumentation Piskorskis wird einwenden können, daß dieser die Vertriebenverbände allzusehr als monolithischen, rückwärtsgewandten und revisionsorientierten Block sieht, so wird aus seinen Ausführungen doch eines überaus deutlich: Daß nämlich die Drohgebärden der sogenannten "Preußischen Treuhand", Zahlungen für die materiellen Verluste der deutschen Vertriebenen einzuklagen, den Anliegen des BdV in Polen massiv geschadet haben. Sie erwecken dort bei vielen Menschen den Verdacht, der BdV strebe nach der endgültigen Klärung der Grenzfrage 1990 nun auf dem Wege von Entschädigungsforderungen und Geschichtsrevision den Aufbau eines neuen Konfliktverhältnisses zwischen beiden Ländern an. Diesen (behaupteten) Zusammenhang sollten vor allem die auf Ausgleich bedachten deutschen Befürworter des "Zentrums" berücksichtigen, wenn der Gesprächsfaden nicht vollständig abreißen soll.

          Wichtig ist Piskorskis Streitschrift vor allem deshalb, weil sie bei aller Emotionalität, die zwischen den Zeilen immer wieder durchschimmert, dem deutschen Leser sachlich, ohne Aufrechnung und Polemik, polnische Sichtweisen und Begrifflichkeiten erschließt und hierdurch einen wichtigen Beitrag zur wechselseitigen Dialogfähigkeit leistet. Dies gilt umgekehrt ebenso für die polnische Leserschaft der bereits 2004 erschienenen Originalausgabe, gegenüber der sich Piskorski keineswegs scheut, gerne tabuisierte beziehungsweise geschönte Fakten beim Namen zu nennen. Streitschriften dürfen keine bequeme Lektüre sein, sie sollen auch provozieren und aufrütteln. Insofern ist das Buch in hervorragender Weise geeignet, im positiven Sinne ein Stein des Anstoßes zu sein.

          MATTHIAS STICKLER

          Jan M. Piskorski: Vertreibung und deutsch-polnische Geschichte. Eine Streitschrift. Fibre-Verlag, Osnabrück 2005. 180 S., 14,80 [Euro].

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