https://www.faz.net/-gqz-t4or

: Stalins unerklärter Krieg

  • Aktualisiert am

Sie begegneten einander nur ein einziges Mal: Präsident Harry S. Truman mußte - wie er einer Cousine anvertraute - am 15. Oktober 1950 auf der Insel Wake im Pazifik "mit Gottes rechter Hand sprechen". Der Oberkommandierende der UN-Truppen in Korea, der legendäre Weltkriegsfeldherr Douglas MacArthur, ...

          Sie begegneten einander nur ein einziges Mal: Präsident Harry S. Truman mußte - wie er einer Cousine anvertraute - am 15. Oktober 1950 auf der Insel Wake im Pazifik "mit Gottes rechter Hand sprechen". Der Oberkommandierende der UN-Truppen in Korea, der legendäre Weltkriegsfeldherr Douglas MacArthur, sollte ihm Bericht erstatten über den weiteren Verlauf jenes Krieges, den das von Moskau abhängige kommunistische Nordkorea mit Überschreiten des 38. Breitengrades am 25. Juni gegen das von Washington unterstützte Südkorea entfacht hatte.

          MacArthur, der seit der Kapitulation 1945 wie ein Ersatzkaiser über die Demokratisierung Japans wachte und von Tokio aus die amerikanischen Truppen im Fernen Osten befehligte, fühlte sich bereits als Sieger. Mit einem UN-Mandat war dem Fünf-Sterne-General in Inchon Mitte September 1950 eine tollkühne amphibische Landung mit 230 Schiffen und 70 000 Mann gelungen, obwohl die Chancen laut eigener Einschätzung nur bei "5000:1" gestanden hatten. Nach der Rückeroberung von Südkoreas Hauptstadt Seoul marschierten amerikanische und südkoreanische Truppen seit Anfang Oktober über den 38. Breitengrad hinaus auf Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang zu.

          Drei Tage nach dem Treffen auf Wake fiel in Peking die Entscheidung, Nordkoreas Diktator Kim Il-sung militärisch zu unterstützen. Schon am 19. Oktober setzten Maos "Freiwillige" von der Mandschurei aus auf das andere Ufer des Grenzflusses Yalu über. Fast zur selben Zeit fiel Pjöngjang, so daß MacArthur den Vorstoß bis an den Yalu befahl. Dort wurde Ende Oktober eine südkoreanische Division im Nahkampf mit chinesischen Soldaten aufgerieben, was MacArthur nur darin bestärkte, an seiner Offensive festzuhalten; ab 5. November sollten amerikanische Bomber alle Yalu-Brücken zerstören. Rolf Steininger weiß die damalige Situation gekonnt zu schildern: "Zwei Stunden vor dem Start der Flugzeuge wurden Pentagon und State Department von dem geplanten Angriff, bei dem notwendigerweise auch zum ersten Mal chinesisches Territorium bombardiert worden wäre, unterrichtet. Eine nicht kalkulierbare Eskalation des Krieges mußte aus Sicht Washingtons verhindert werden. Die Sowjetunion, die durch den Beistandspakt vom Februar 1950 mit Rotchina verbunden war, wäre bei einem Angriff auf China zu militärischem Eingreifen verpflichtet gewesen . . . Truman war bereit, den Angriff auch angesichts der zu erwartenden Auswirkungen zu genehmigen, falls für die UN-Truppen eine unmittelbare und ernste Gefahr bestünde. Falls noch möglich, sollten zunächst entsprechende Informationen von MacArthur eingeholt werden. Genau eine Stunde und zwanzig Minuten vor dem Start der B-29 Bomber in Japan erhielt MacArthur den Befehl, alle Angriffe innerhalb einer Fünf-Meilen-Zone entlang der chinesischen Grenze zu stoppen und über die militärische Lage Bericht zu erstatten - was er unter heftigem Protest tat."

          Am 20. November 1950 erreichten erste amerikanische Einheiten den Yalu. Als China kurz darauf zum Gegenschlag ausholte, standen die Vereinigten Staaten "vor der schwersten Niderlage ihrer Geschichte, die später nur noch von dem Debakel in Vietnam übertroffen werden sollte". MacArthur telegraphierte am 28. November, daß Chinas Ziel in der "völligen Vernichtung der UNO-Trupppen in Korea" bestehe und daß seine militärischen Kräfte "nicht ausreichen, in diesem unerklärten Krieg zu bestehen". Daher sprach er sich für den Einsatz von Atombomben aus. Dies schloß auch Truman auf einer Pressekonferenz am 30. November nicht gänzlich aus. Wie ernst man in Washington die Lage beurteilte, zeigte sich daran, daß der Präsident am 16. Dezember den nationalen Notstand ausrief und in einer Rundfunkansprache die Versuche Moskaus anprangerte, "eine freie Nation nach der anderen zu überwältigen". Truman reagierte mit Plänen für eine Vervierfachung der amerikanischen Streitkräfte und des Rüstungshaushalts. Außerdem fiel am 18./19. Dezember 1950 die Grundentscheidung zur Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland.

          Weitere Themen

          Von wegen Selektion

          FAZ Plus Artikel: Pränataldiagnose : Von wegen Selektion

          Diskriminiert ein Bluttest Embryonen mit Trisomie 21? In der Debatte um die nicht-invasive Pränataldiagnostik florieren irrige Argumente und ein diskreditierender Kampfbegriff. Es wird Zeit, einiges klarzustellen. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Populisten in Österreich : Mit Zöpfen und Hakennasen

          Österreichs Rechtspopulisten wollen gegen einen ORF-Moderator vorgehen. Sein „Vergehen“: Fragen an den FPÖ-Spitzenkandidaten für die Europawahl über rassistische Hetzer in ihren Reihen.

          Thomas Müller : Twittern mit Vogelgezwitscher

          Thomas Müller musste viel Häme einstecken für seine Rechtfertigung des strittigen Elfmeters im Pokal-Halbfinale in Bremen. Nun erklärt sich der Torjäger des FC Bayern mit einer Videobotschaft und versöhnlichen Worten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.