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: Spätere Verwechslung nicht ausgeschlossen

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Die Naziflucht nach Übersee ist seit einem halben Jahrhundert ein unerschöpfliches Thema. Simon Wiesenthal hat den Odessa-Mythos mitgestaltet. Seriöse Historiker haben ihn mehrfach widerlegt. Jenseits der Mythen ist jedoch nicht zu bestreiten, dass in den ersten Nachkriegsjahren unter Zehntausenden ...

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          Die Naziflucht nach Übersee ist seit einem halben Jahrhundert ein unerschöpfliches Thema. Simon Wiesenthal hat den Odessa-Mythos mitgestaltet. Seriöse Historiker haben ihn mehrfach widerlegt. Jenseits der Mythen ist jedoch nicht zu bestreiten, dass in den ersten Nachkriegsjahren unter Zehntausenden von Auswanderern auch zwei bis drei Dutzend deutsche oder österreichische Kriegsverbrecher in Argentinien Zuflucht fanden. Gerald Steinacher erhebt nun in seiner Innsbrucker Habilitationsschrift den Anspruch, erstmalig "die gesamte Handlungskette der Flucht" zu rekonstruieren. Aber bereits in der Pionierarbeit des Kölner Historikers Holger Meding von 1992 sind alle Elemente der realen Fluchtbewegung in ihrem Ablauf erfasst. Bietet die Studie von Steinacher auch keine grundsätzlich neue Perspektive, so ist der Erkenntnisfortschritt im Detail nicht zu unterschätzen. Nie zuvor ist die Bedeutung Südtirols als Schutzzone, die Bedeutung Italiens für Transit und Transfer von Nationalsozialisten und Naziverbrechern nach Übersee so schlüssig dargestellt worden.

          Der österreichische Historiker identifiziert Personen und Institutionen, die aus ideologischen, karitativen, aber auch aus kommerziellen Motiven Fluchthilfe geleistet haben. Dabei haben sowohl "alte Kameraden", Tiroler Seilschaften wie etliche Vertreter katholischer Institutionen eine wichtige Rolle gespielt. In Rom war Bischof Hudal zweifellos ein zentraler Kontakt. Steinacher beschreibt instruktiv die Bedeutung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), dessen Genfer Archiv er ausgewertet hat. In Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshilfswerk des Vatikans hat das IKRK in Rom und Genua Flüchtige und Flüchtlinge mit jenen Reisepapieren ausgestattet, die für die Weiterreise nach Südamerika erforderlich waren. Eichmann und Mengele, Roschmann und Rauff haben sich auf diesem Wege der Strafverfolgung entzogen. Kontrovers ist die Frage, ob den römischen Helfern die wirkliche Identität der Personen, denen sie halfen, und deren Belastung bekannt gewesen ist. Das scheint - von Ausnahmen abgesehen - dem Rezensenten wenig wahrscheinlich. Denn die Flüchtigen hatten in der Regel zuvor eine andere Identität angenommen, die weder vom IKRK noch von den Vertretern der Kirche überprüft werden konnte. Leider wird der positive Eindruck des Buches durch Einseitigkeiten der Interpretation wie Schwächen der Recherche eingeschränkt. Eine umstrittene Schlüsselfigur wie Hudal wird nur selektiv wahrgenommen, wichtige Literatur wird nicht verwertet.

          Manche "Fakten" halten einer quellenkritischen Belastungsprobe nicht stand. Der mehrfach zitierte Flüchtling, Fluchthelfer und NS-Ideologe Reinhard Kops war weder in der SS noch in der Gestapo, noch war er Österreicher, sondern Wehrmachtsoffizier aus Hamburg-Altona. SS-Gruppenführer Ludolf von Alvensleben versteckte sich in Argentinien keineswegs unter einem falschen Namen, wussten ihn doch die deutschen Behörden sehr wohl zu erreichen.

          Vermisst werden in Steinachers Delinquentenliste etliche längst bekannte Namen: Hans Hefelmann, der Euthanasieexperte von der Aktion T 4, Kurt Christmann, Leiter des Sonderkommandos 10a, und der ranghöchste aller Naziverbrecher, die sich nach Argentinien abgesetzt haben: der stellvertretende Generaldirektor der Reichsbahn, Staatssekretär Albert Ganzenmüller, der die Deportationszüge in die Vernichtungslager zur Verfügung stellte und später die argentinischen Staatsbahnen beriet. Der Fall des SS-Standartenführers Walther Rauff, des Erfinders der mobilen Vergasung, zeigt einen großzügigen Umgang mit den Quellen. Ist bei Wiesenthal Rauff der Kopf der imaginären Odessa, so ist bei Steinacher Rauff ein "wichtiger Kopf der NS-Fluchtorganisation", unter dessen "Regie" Eichmann, Stangl, Schwammberger und andere sich nach Übersee abgesetzt haben.

          Geht man den "Quellen" nach, zeigt sich viel Spekulation und wenig Substanz. Die biographischen Daten des Gettokommandanten von Riga, Eduard Roschmann, dem mehrere Seiten eingeräumt werden, sind in den meisten Fällen falsch. Der Platz reicht nicht, um hier die sachlichen Fehler zu markieren. Allerdings kann es nicht unwidersprochen bleiben, wenn Steinacher feststellt, dass die "Unwissenheit" der deutschen Justizbehörden über den Verbleib von Roschmann in Argentinien "nicht ganz ehrlich" gewesen sein dürfte, denn schon seit 1960 sei den deutschen Behörden die Adresse von Roschmann in Argentinien bekannt gewesen. Tatsache ist, dass die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Hamburg erst am 24. Juli 1963 vom Ministerium für Inneres in Wien - auf Nachfrage - über Roschmanns Aliasnamen unterrichtet wurde, über den die österreichischen Behörden durch Roschmanns Frau in Graz bereits seit 1959 verfügten. Hamburg informierte sofort die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Buenos Aires. Aber Roschmanns Spur hatte sich bereits verloren.

          In dem Buch wird Steinacher als Mitarbeiter der vom früheren Bundesaußenminister Fischer einberufenen "Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amts in der Zeit des Nationalsozialismus und der Bundesrepublik" vorgestellt. Steinacher hat einige neue Belastungsfälle entdeckt, die Angehörige des auswärtigen Dienstes betreffen. Die Beispiele zeigen, was geschehen kann, wenn der obsessive Jagdtrieb des Forschers nicht vom kritischen Verstand des Historikers gezügelt wird. Fall 1: Steinacher spekuliert, ob sich hinter dem Kriegsverbrecher-Alias "Theodor Kremhart" nicht in Wirklichkeit der Referatsleiter Fernost Karl Otto Braun verberge, der seinerzeit nach Argentinien geflüchtet sei. Wäre Braun ein Kriegsverbrecher gewesen, hätte er töricht gehandelt, als er 1951 von Buenos Aires aus das Auswärtige Amt - ohne Erfolg - auf Wiedereinstellung nach Artikel 131 Grundgesetz verklagte. Fall 2: Bei seiner Nazisuche stößt der Verfasser auf einen "Edwin von Campe", geboren 1888 in Hildesheim, der von Meran aus ein Reisedokument des IKRK beantragte, das ihm in Genua ausgehändigt wird. Ob es sich bei dem "Flüchtigen" in Wirklichkeit nicht um den 1894 in Hildesheim geborenen Dr. jur. Karl von Campe handle? "Von Campe war im ,Dritten Reich' ein hoher Beamter des Auswärtigen Amtes gewesen und in den 1950er Jahren Botschafter der BRD in Chile! Indizien gibt es viele, Belege in diesem Fall noch keine." Steinacher wird lange darauf warten müssen. Denn von Campe wurde im Mai 1941 in den Wartestand versetzt und hat bis Kriegsende "keine Verwendung" mehr gefunden. Dafür begann er 1945 eine politische Karriere, die ihn über Hannover und den Frankfurter Wirtschaftsrat 1949 in den Bundestag führte, von wo aus er 1951 in den auswärtigen Dienst zurückkehrte.

          Fälle 3 und 4: Manche, so Steinacher, seien gar nicht erst nach Übersee gegangen, sondern im sicheren Südtirol geblieben. "Ein prominentes Beispiel" hierfür ist Waldemar Epp, dem Steinacher vorhält, durch "die Plünderungen in Ungarn gut verdient" zu haben, wobei er den "Wissenschaftlichen Hilfsarbeiter" im Auswärtigen Amt gleich zum "Reichsbevollmächtigten in Ungarn" macht (der allerdings Veesenmayer hieß.) "In Ungarn war er zusammen mit seinem Chef Ministerialdirektor Hans Schröder für den Raub der ungarischen Kronjuwelen verantwortlich." Während Epp als angeblicher Südtiroler bald aus dem Lager Bozen entlassen wurde, habe man den "SS-Offizier" Hans Schröder Mitte Mai 1945 verhaftet und in Terni interniert. Der einzige Ministerialdirektor des Auswärtigen Amts namens Hans Schröder war Leiter der Personalabteilung, ohne je in der SS gewesen zu sein.

          Für die schwerwiegende Beschuldigung, die ungarischen "Kronjuwelen" - die Stephanskrone und die anderen Krönungsinsignien - geraubt zu haben, gibt es im Buch nicht den geringsten Beleg. Patriotische Ungarn haben die Krönungsinsignien verwahrt, in Österreich vergraben und der US Army übergeben. Das alles kann man der ungarischen, ins Deutsche übersetzten Literatur entnehmen. Aber auch ein Blick in den "Brockhaus" hätte schon genügt.

          HEINZ SCHNEPPEN

          Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen. StudienVerlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2008. 378 S., 29,90 [Euro].

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