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: Soziale Gerechtigkeit

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Joseph E. Stiglitz: Die Roaring Nineties. Der entzauberte Boom. Aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt. Siedler Verlag, Berlin 2004. 352 Seiten, 24,- [Euro].Kritik am "Washington Consensus" von amerikanischer Regierung, Weltbank und Internationalem Währungsfonds, die Entwicklungsländer zur Liberalisierung ihrer Binnenmärkte und Außenhandelsbeziehungen zu drängen, ist nicht selten.

          Joseph E. Stiglitz: Die Roaring Nineties. Der entzauberte Boom. Aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt. Siedler Verlag, Berlin 2004. 352 Seiten, 24,- [Euro].

          Kritik am "Washington Consensus" von amerikanischer Regierung, Weltbank und Internationalem Währungsfonds, die Entwicklungsländer zur Liberalisierung ihrer Binnenmärkte und Außenhandelsbeziehungen zu drängen, ist nicht selten. Große Aufmerksamkeit ist ihr dann sicher, wenn sie von einem herausragenden Ökonomen wie Joseph Stiglitz stammt. Er ist nicht nur ein Kenner der ökonomischen Theorie, sondern auch Insider der politischen Praxis: Wirtschaftswissenschaftler in Yale und Stanford, Oxford und Princeton, 2001 mit dem Nobelpreis für seine Arbeiten über unvollständige, asymmetrische Information in Märkten ausgezeichnet, ökonomischer Vordenker der Demokraten und 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank.

          Bereits 2001 kritisierte Stiglitz in seinem Buch "Die Schatten der Globalisierung" die Formen und Folgen von Globalisierung und Verflechtung der Finanzmärkte: Die Deregulierung gehe zu weit, Finanzbranche und Konzerne hätten zuviel Einfluß, die Politik der Weltbank und der Welthandelsorganisation gegenüber den Entwicklungsländern sei unangemessen, der Welthandel müsse einen neuen regulatorischen Rahmen erhalten. Nun legt Stiglitz mit "Die Roaring Nineties" nach. Es ist kein Enthüllungsbuch über seine Jahre bei Clinton und Wolfensohn und kein Frontalangriff auf die Marktwirtschaft, aber ein Plädoyer für einen Richtungswechsel. Es geht um die alte Frage nach der angemessenen Berücksichtigung "des Sozialen" - nach dem "richtigen Gleichgewicht" zwischen Staat und Markt.

          Stiglitz' Antwort ist, kurz gesagt, der Appell zu mehr staatlicher Regulierung und sozialem Engagement. Er analysiert den Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft in den neunziger Jahren, dessen - gerade auch politische - Ursachen und Wirkungen. Zumindest zwei Weichen habe man falsch gestellt: Zum einen habe die Clinton-Administration die Konsolidierung des Haushalts überzogen und deshalb zuwenig Mittel gehabt, um Einrichtungen für Bildung, Soziales und Infrastruktur auszubauen. Beim Wirtschaftsboom sei mehr Glück als Können im Spiel gewesen. Zum anderen habe das Finanzministerium die Deregulierung übertrieben und damit Fehlentwicklungen in Gang gesetzt, die unter Bush zum Durchbruch kamen. Insbesondere habe die Rücknahme des Glass-Steagall-Gesetzes 1995 die Voraussetzung für eine umfangreiche Fusionsbewegung geschaffen. Die Neunziger seien zum Jahrzehnt des Finanzkapitals geworden, von Megadeals und Megawachstum. Die Politik habe falsche Anreize gesetzt. Er verweist auf Fehlentscheidungen und Korruption, vornehmlich in den Branchen Finanzen, Telekommunikation und Elektrizität, etwa bei der Deregulierung des Strommarkts in Kalifornien. Als Symptome sieht er offene und versteckte Bereicherung von Vorständen, Täuschung von Anlegern durch Finanzanalysten sowie Betrügereien à la Enron und WorldCom.

          Europa habe Glück gehabt, so betont er, daß die Probleme in den Vereinigten Staaten ans Licht kamen, bevor sie auf dem alten Kontinent bleibende Schäden anrichten konnten. Da kannte er den Fall Parmalat noch nicht. Stiglitz sucht nach "systemischen" Zusammenhängen. Globalisierung und Liberalisierung gehen ihm zu weit. Die Marktwirtschaft mache Arbeitnehmerschutz und Arbeitsmarktpolitik ebensowenig überflüssig wie Umverteilungspolitik, Förderung von Weiterbildung, Unterstützung von Geringverdienern und anderes mehr. Die Analyse der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung müsse bei den Vereinigten Staaten ansetzen, doch Europa dürfe sich nicht einseitig an Amerika ausrichten. Die Europäer sollten ihre Haushalte langsamer zurückfahren. Den Vereinigten Staaten hält Stiglitz vor, sie zeigten kein Interesse an "globaler sozialer Gerechtigkeit", verlangten vom Ausland, was sie selbst im Inland nicht zu praktizieren bereit seien. Man müsse die Globalisierung demokratisieren, den Entwicklungsländern mehr Mitspracherechte einräumen und den Vorständen durch doppelte Aufsichtsstrukturen wirksamer Zügel anlegen.

          Der Ordnungsrahmen der deutschen Sozialen Marktwirtschaft ist - Globalisierung hin, Liberalisierung her - nach wie vor anders als der der amerikanischen Wirtschaft. Doch die Frage nach dem "richtigen" Gleichgewicht von Staat und Markt war auch das Thema Ludwig Erhards, dem bekanntlich Manchesterkapitalismus nicht weniger ein Greuel war als Staatssozialismus. Erhard hätte wohl nicht wenige Thesen Stiglitz' mit Skepsis betrachtet, insbesondere dessen Neigung zu staatlichen Interventionen. In jedem Fall aber hätte er die Thesen dieses Querdenkers und unangepaßten Streiters mit Freude diskutiert. Das Buch ist eine fesselnde, anregende Lektüre - wegen der dichten und farbigen Darstellung ebenso wie wegen der gelegentlichen Übertreibungen. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über die praktische und ordnungspolitische Gestaltung auf nationaler wie internationaler Ebene.

          GÜNTHER SCHULZ

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