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: Selbstratgeber und Selbstverklärer

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Im ersten Band der Biographie über Heinrich Brüning beschrieb Herbert Hömig unter dem Titel "Kanzler in der Krise der Republik" die ersten 47 Lebensjahre des aus Münster stammenden und vom "Frontkämpfer"-Erlebnis des Ersten Weltkriegs geprägten Zentrumspolitikers - also bis zum Sturz als Reichskanzler am 30.

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          Im ersten Band der Biographie über Heinrich Brüning beschrieb Herbert Hömig unter dem Titel "Kanzler in der Krise der Republik" die ersten 47 Lebensjahre des aus Münster stammenden und vom "Frontkämpfer"-Erlebnis des Ersten Weltkriegs geprägten Zentrumspolitikers - also bis zum Sturz als Reichskanzler am 30. Mai 1932 durch Reichspräsident Paul von Hindenburg. In seiner Rezension hat Eberhard Kolb (F.A.Z. vom 13. Februar 2001) die "erschöpfende und detaillierte Darstellung" Hömigs gewürdigt, zugleich aber vermerkt: "Weniger wäre mehr gewesen." Diese Wertung gilt auch für den zweiten Band mit seinen 2236 Anmerkungen.

          Deutlich wird, daß der Exkanzler sein Scheitern an Hindenburg nicht verwunden hat, ihn gleichwohl aber in seinen Dauerreflexionen über die Weimarer Republik schonte. Während der kurzen Regierung seiner Nachfolger Franz von Papen und Kurt von Schleicher suchte Brüning einen befürchteten "Staatsnotstand" zu verhindern. Er überschätzte die Möglichkeit, mit Hilfe einer Spaltung der NSDAP die Staatskrise lösen zu können. Während er vor der Reichstagswahl vom 5. März 1933 ungewohnt kämpferischen Einsatz zur Sicherung des Rechtsstaats zeigte, gelang es ihm am 23. März nicht, seine Fraktion für eine Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes zu gewinnen. Nachdem sich der Parteivorsitzende Ludwig Kaas abgesetzt hatte, mußte Brüning am 6. Mai die Führung des Zentrums übernehmen, ohne allerdings, nach einem siebenwöchigen Opfergang, dessen Untergang aufhalten zu können. Inzwischen bereits bespitzelt, wurde sein Leben zum Versteckspiel. Am 21. Mai 1934 entschloß er sich nach einer Warnung über seine bevorstehende Verhaftung (im Vorfeld des "Röhm-Putsches") zur Emigration. Der nationalkonservative Patriot empfand das Exil als persönlichen Makel.

          Das unstete Wanderleben des mittellosen Junggesellen, der in den folgenden Jahren kreuz und quer durch die Welt reiste und von der Gastfreundschaft Dritter abhängig blieb, ist von Hömig als Tag-für-Tag-Bericht beschrieben. Brüning suchte die westlichen Demokratien von einer Appeasementpolitik abzubringen und statt dessen das - von ihm repräsentierte - "andere Deutschland" durch Signale an die militärische Opposition zu ermuntern. Gegenüber zahllosen ausländischen Politikern und Publizisten befürwortete der sprachkundige Emigrant eine gemäßigt autoritäre Demokratie in Deutschland. Dabei distanzierte er sich von den "Haßtiraden" des im linken politischen Spektrum ausgemachten "Emigrantenklüngels". Zwei mysteriöse Entführungsversuche durch Gestapo-Agenten 1936, in den Niederlanden und in der Schweiz, verstärkten Brünings Verfolgungswahn. In seiner "Existenz auf Abruf" litt er an wiederholten, wohl auch psychisch bedingten Krankheiten. Erst seit 1937 konnte er durch Vortragstätigkeit seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Dabei vertrat er in seinen Ausführungen über Demokratie-, Rechts- und Freiheitsprobleme als "gemäßigte Interessen" des Reiches eine Revision seiner Ostgrenze und verteidigte die Weimarer Notstandslösung.

          Als Professor of Government seit 1939 in Harvard, verlor der "Verbannte aus Deutschland" seine Kontakte zur Militäropposition, hoffte aber weiter auf deren "Losschlagen". Im Dezember 1941 drängte er Präsident Franklin D. Roosevelt vergeblich, Friedensbedingungen der Alliierten bekanntzugeben. Mit seinem "Schweigen für Deutschland" suchte Brüning Einfluß auf amerikanische Entscheidungsträger zu behalten. Er verdankte es Verteidigungsminister Henry L. Stimson, daß er seine Staatsangehörigkeit nicht verlor und auch nicht interniert wurde. Brüning lehnte die Bildung einer Exilregierung ab und schloß - auch um die Aufnahme von Emigranten in eine Nachkriegsregierung in Deutschland zu verhindern - eigene Ambitionen aus.

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