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: Selbstmobilisierung der Endkämpfer

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Die Kriege des 20. Jahrhunderts haben eine derartige Blutspur hinterlassen, daß sich die historische Erforschung von Kriegen nicht allein auf deren militärische und diplomatische Erscheinungsformen beschränken kann. Im Zuge der kulturhistorischen Neuausrichtung schenkt die Forschung daher zunehmend ...

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          Die Kriege des 20. Jahrhunderts haben eine derartige Blutspur hinterlassen, daß sich die historische Erforschung von Kriegen nicht allein auf deren militärische und diplomatische Erscheinungsformen beschränken kann. Im Zuge der kulturhistorischen Neuausrichtung schenkt die Forschung daher zunehmend der Innenseite von Kriegen Beachtung und fragt danach, inwieweit Kriege tiefer liegende Gewaltdispositionen mobilisieren und sich auf diese Weise die Gewaltorgien erklären lassen, die zum Erscheinungsbild moderner Kriege zählen. Dabei besteht allerdings die Gefahr, daß sich die Fixierung auf Gewalt zu einer ahistorischen Kategorie verselbständigt, die sich der Einbettung in eine historische Konstellationsanalyse entzieht und Kriegsgeschichte in eine reine Gewaltgeschichte auflöst. Diese Tendenz ist besonders bei einem Gewaltbegriff verbreitet, der die kulturwissenschaftliche Kernfrage nach Bedeutung damit beantwortet, daß er dem Gewaltakt eine eigene Sinnlogik attestiert, womit Gewalt letztlich zu einem sich selbst erzeugenden Phänomen wird, das aus sich heraus eine unendliche Kette von Gewalthandlungen hervorbringt.

          Der von Alf Lüdtke und Bernd Weisbrod herausgegebene Band versammelt Beiträge, die mit unterschiedlichen Zugriffen auf kriegerische Gewalt operieren. Das trägt zur Uneinheitlichkeit der darin vereinigten neun Aufsätze bei, zumal die Herausgeber anstelle einer wirklichen Einleitung nur ein schmales Vorwort liefern, so daß sich der theoretische Zuschnitt des Bandes dem Leser nicht leicht erschließt. Aber die Lektüre nahezu aller Beiträge ist aus zwei Gründen überaus lohnenswert. Zum einen dienen als historische Exempel nicht nur die beiden Weltkriege, sondern auch die Gewaltaktionen in Nordirland, Südafrika, auf dem indischen Subkontinent und auf dem Balkan aus der Zeit nach 1945. Zum anderen gehen von einigen Beiträgen bedenkenswerte heuristische Anstöße für eine kulturhistorisch anspruchsvolle Durchleuchtung kriegerischer Gewalt aus.

          In vorbildlicher Weise gehen Wolfgang Höpken und Alan Kramer der historischen Kontextualisierung kriegerischer Gewalt nach. Höpken vergleicht die Balkankriege der Jahre 1912/13 mit den Kriegen im zerfallenen Jugoslawien der neunziger Jahre und gelangt dabei zu der überzeugenden Feststellung, daß die in beiden Konflikten zu registrierende Verwischung des Unterschiedes zwischen Kombattanten und Zivilisten und der sich daraus ergebende Hang zur "ethnischen Säuberung" im Kern darauf zurückzuführen sind, daß eine historisch gewachsene militärische Subkultur neben den regulären Streitkräften eine Vielfalt paramilitärischer Verbände hervorbrachte, die unter reger gesellschaftlicher Akzeptanz im Namen austauschbarer Ideologien Gewalttaten verübten. Alan Kramer widmet sich den Gewalttaten gegen die Zivilbevölkerung, welche deutsche Truppen im Sommer und Herbst des Jahres 1914 in Frankreich und Belgien verübten. Unter den insgesamt 129 registrierten größeren Vorfällen dieser Art konzentriert er sich auf die Durchleuchtung der Greuel im wallonischen Städtchen Dinant am 23. August 1914, als sächsische Verbände der 3. Armee 674 Bewohner der Stadt, darunter Frauen und Kinder, erschossen. In einer beispielhaften Feinanalyse stellt Kramer heraus, daß eine Vielzahl sich selbst potenzierender kultureller Faktoren zu diesem Exzeß führte: Die durch Gerüchte genährte Furcht vor dem Einsatz illegaler Kombattanten ("francs-tireurs") im Verein mit einem durch konfessionelle Vorurteile genährten Antiklerikalismus (insgesamt fielen 47 belgische und 22 französische katholische Geistliche dem Vorgehen protestantisch dominierter deutscher Truppen zum Opfer, die im Klerus zum bewaffneten Kampf aufrufende Aufrührer erblickten) konnte sich dann zu einer "Vernichtungsmentalität" steigern, wenn die kommandierenden Offiziere diese Disposition durch entsprechende Anordnungen aktivierten.

          Michael Geyers Beitrag zeichnet sich durch eine überaus anregende Neubetrachtung des "Durchhaltens" der deutschen Soldaten wie der Zivilbevölkerung angesichts der heraufziehenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg aus. Geyer setzt neue Akzente bei der Antwort auf die bohrende Frage, warum der Großteil der Deutschen bis zum Untergang weiterkämpfte, obgleich in der Endphase des Krieges die staatliche Infrastruktur weitgehend zusammengebrochen war. Er führt diesen Umstand auf eine Fähigkeit zur Selbstmobilisierung der deutschen Gesellschaft zurück, die sich gerade nach der Auflösung bürokratischer Herrschaftsstrukturen Bahn brach und auf diese Weise wirtschaftliche und militärische Kernfunktionen aufrechterhielt. Geyer relativiert damit den Einfluß der NS-Opferideologie und drängt die Nachfrage auf, ob nicht gerade die charismatische Herrschaft Hitlers mit ihrer Aushöhlung der Institutionen die deutsche Gesellschaft zu dieser bis zur Selbstzerstörung gesteigerten Selbstmobilisierung befähigte.

          Es gehört zu den besonderen Vorzügen des Bandes, daß manche Beiträge sich auch der emotionalen Innenseite kriegerischer Gewalt zuwenden und diese Dimension mit dem Zentralbegriff "Erlebnis" zu erschließen suchen. Das kulturwissenschaftliche Potential dieses Zugriffs kann dann ausgeschöpft werden, wenn wie im Beitrag von Joanna Bourke Zeugnisse herangezogen werden, welche Einblicke in die Innenwelt gewähren, wozu auch literarische Darstellungen des Krieges zählen. Die entscheidende Herausforderung besteht allerdings darin, daß die Ausschöpfung solcher Erlebnisberichte nicht bei einer Introspektion der Gefühlswelt der erlebenden Individuen stehenbleibt, sondern Anschlüsse an überindividuelle Deutungsmuster erlaubt, in die das Einzelerlebnis eingetaucht werden kann. Und genau an diesem Punkt offenbart sich das kulturhistorische Dilemma, in das eine reine Gewaltgeschichte gerät, die ohne den Krieg auskommen will. Denn der Krieg ist ein gleichsam natürlicher Bedeutungslieferant für Gewalthandlungen, weil er den Akteuren erlaubt, ihr Tun unter Rekurs auf überindividuelle Weltbilder als sinnhaft zu begreifen.

          Eine auf das Gewalterlebnis konzentrierte reine Gewaltgeschichte bezahlt den Verzicht auf die Deutungsofferte "Krieg" damit, daß sie zu begrifflich unscharfen Hilfskonstruktionen greifen muß, um der Gewalt eine über die bloße Praxis hinausreichende Bedeutung zu verleihen. Hier liegt die Versuchung nahe, der Gewalt eine religiöse Konnotation zu verleihen, indem der Gewaltakt als ekstatische Selbstüberschreitung verstanden wird, welche im Kern auf eine religiöse Veranlagung zurückgeführt wird. Der abschließende Beitrag von Weisbrod ist ein beredtes Beispiel für die argumentative Engführung, in die man sich begibt, wenn ein bis zur Unkenntlichkeit überdehnter Religionsbegriff als "passepartout" herhalten muß, um eine Gewaltgeschichte zu konzipieren, die nicht mehr vom Krieg reden will.

          WOLFRAM PYTA

          Alf Lüdtke/Bernd Weisbrod (Herausgeber): No Man's Land of Violence. Extreme Wars in the 20th Century. Wallstein Verlag, Göttingen 2006. 282 S., 18,- [Euro].

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