https://www.faz.net/-gqz-sk7m

: Selbstmobilisierung der Endkämpfer

  • Aktualisiert am

Michael Geyers Beitrag zeichnet sich durch eine überaus anregende Neubetrachtung des "Durchhaltens" der deutschen Soldaten wie der Zivilbevölkerung angesichts der heraufziehenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg aus. Geyer setzt neue Akzente bei der Antwort auf die bohrende Frage, warum der Großteil der Deutschen bis zum Untergang weiterkämpfte, obgleich in der Endphase des Krieges die staatliche Infrastruktur weitgehend zusammengebrochen war. Er führt diesen Umstand auf eine Fähigkeit zur Selbstmobilisierung der deutschen Gesellschaft zurück, die sich gerade nach der Auflösung bürokratischer Herrschaftsstrukturen Bahn brach und auf diese Weise wirtschaftliche und militärische Kernfunktionen aufrechterhielt. Geyer relativiert damit den Einfluß der NS-Opferideologie und drängt die Nachfrage auf, ob nicht gerade die charismatische Herrschaft Hitlers mit ihrer Aushöhlung der Institutionen die deutsche Gesellschaft zu dieser bis zur Selbstzerstörung gesteigerten Selbstmobilisierung befähigte.

Es gehört zu den besonderen Vorzügen des Bandes, daß manche Beiträge sich auch der emotionalen Innenseite kriegerischer Gewalt zuwenden und diese Dimension mit dem Zentralbegriff "Erlebnis" zu erschließen suchen. Das kulturwissenschaftliche Potential dieses Zugriffs kann dann ausgeschöpft werden, wenn wie im Beitrag von Joanna Bourke Zeugnisse herangezogen werden, welche Einblicke in die Innenwelt gewähren, wozu auch literarische Darstellungen des Krieges zählen. Die entscheidende Herausforderung besteht allerdings darin, daß die Ausschöpfung solcher Erlebnisberichte nicht bei einer Introspektion der Gefühlswelt der erlebenden Individuen stehenbleibt, sondern Anschlüsse an überindividuelle Deutungsmuster erlaubt, in die das Einzelerlebnis eingetaucht werden kann. Und genau an diesem Punkt offenbart sich das kulturhistorische Dilemma, in das eine reine Gewaltgeschichte gerät, die ohne den Krieg auskommen will. Denn der Krieg ist ein gleichsam natürlicher Bedeutungslieferant für Gewalthandlungen, weil er den Akteuren erlaubt, ihr Tun unter Rekurs auf überindividuelle Weltbilder als sinnhaft zu begreifen.

Eine auf das Gewalterlebnis konzentrierte reine Gewaltgeschichte bezahlt den Verzicht auf die Deutungsofferte "Krieg" damit, daß sie zu begrifflich unscharfen Hilfskonstruktionen greifen muß, um der Gewalt eine über die bloße Praxis hinausreichende Bedeutung zu verleihen. Hier liegt die Versuchung nahe, der Gewalt eine religiöse Konnotation zu verleihen, indem der Gewaltakt als ekstatische Selbstüberschreitung verstanden wird, welche im Kern auf eine religiöse Veranlagung zurückgeführt wird. Der abschließende Beitrag von Weisbrod ist ein beredtes Beispiel für die argumentative Engführung, in die man sich begibt, wenn ein bis zur Unkenntlichkeit überdehnter Religionsbegriff als "passepartout" herhalten muß, um eine Gewaltgeschichte zu konzipieren, die nicht mehr vom Krieg reden will.

WOLFRAM PYTA

Alf Lüdtke/Bernd Weisbrod (Herausgeber): No Man's Land of Violence. Extreme Wars in the 20th Century. Wallstein Verlag, Göttingen 2006. 282 S., 18,- [Euro].

Weitere Themen

Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

Topmeldungen

Dicke Luft in Stuttgart

Klimagipfel : Mit Verzichtspanik wird nichts erreicht

Als müsste in einer klimafreundlicheren Welt jemand aufs Auto, aufs Heizen, Fliegen oder auf Kinder verzichten! Das Vertrauen in die Technik ist bei denen, die den Innovationsgeist am lautesten für sich reklamieren, am geringsten.
Leonardos „Heiliger Hieronymus in der Wildnis” blieb um 1480 unvollendet.

KI im Kunsteinsatz : Großreinemachen

Mit Hilfe künstlicher Intelligenz wird Shakespeare sortiert und Beethoven vollendet. Werke von Leonardo und Cézanne, Kafka und Musil, Mahler und Musil warten schon. Wohin soll das führen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.