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: Schnellbrief und Braunbuch

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Die im Sommer 2005 vom damaligen Außenminister Fischer berufene "Unabhängige Historikerkommission" versteht ihr Werk als "wissenschaftlich gesicherte Grundlage für die eigene Meinungsbildung" und als "neue und aussagekräftige Darstellung". Um diese Aussagekraft zu steigern, griff Kommissionssprecher ...

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          Die im Sommer 2005 vom damaligen Außenminister Fischer berufene "Unabhängige Historikerkommission" versteht ihr Werk als "wissenschaftlich gesicherte Grundlage für die eigene Meinungsbildung" und als "neue und aussagekräftige Darstellung". Um diese Aussagekraft zu steigern, griff Kommissionssprecher Eckart Conze vor der Buchübergabe an Außenminister Westerwelle zu der griffigen Formel, das Auswärtige Amt der Nazi-Zeit sei eine "verbrecherische Organisation" gewesen. Die Wucht der damit erreichten medialen Aufmerksamkeit täuscht aber nicht über die Mängel der Studie "Das Amt" hinweg.

          Im ersten Teil ("Die Vergangenheit des Amts") wird der Eindruck erweckt, die Vernichtung der europäischen Juden sei zwischen dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und dem AA einvernehmlich geplant worden - mit Diplomaten als treibender Kraft. Ohne Anmerkungen und ohne Angabe von Quellen wird behauptet: "Das Schicksal der deutschen Juden wurde am 17. September 1941 besiegelt", während eines Treffens Hitlers mit Reichsaußenminister von Ribbentrop: "Das Auswärtige Amt ergriff die Initiative zur Lösung der ,Judenfrage' auf europäischer Ebene."

          Das dreißigköpfige Kommissions-, Mitautoren- und Rechercheure-Team versteht jene Erlasse an die Auslandsvertretungen, mit denen das AA nach Hitlers "Machtergreifung" antijüdische Aktionen und Gesetze rechtfertigte, als "beredte Zeugnisse der Selbstgleichschaltung". Diese sei zügig vorangeschritten: "Weder hatten die Diplomaten erkennbar gegen die Repressions- und Gewaltpraxis in Deutschland protestiert, noch hatten sie sich der Anpassung verweigert. Eine scheinbar unpolitische Beamtenmentalität, in der Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit, Effizienz und Staatstreue zählten, aber auch die aus dem Kaiserreich tradierte Anpassungs- und Unterordnungsbereitschaft sowie nicht zuletzt ein ausgeprägtes Standesbewusstsein hatten es dem Gros der Beamten im Auswärtigen Dienst ermöglicht, relativ rasch und zielstrebig zum nationalsozialistischen Staat zu finden."

          Zum Thema Parteimitgliedschaft, das 2005 Anlass für den Nachruf-Streit im Amt war und zur Einsetzung der Historikerkommission führte, gibt es kein eigenes Kapitel, sondern nur ein paar verstreute Beobachtungen. Es wird erwähnt, dass die Botschafter Ulrich von Hassell und Friedrich Werner von der Schulenburg gleich 1933 in die NSDAP eintraten: "Die Duplizität bleibt in doppelter Hinsicht bemerkenswert", denn "sie werden später beide zum Widerstandskreis des 20. Juli 1944 zählen und hingerichtet werden". Eine "reine Parteimitgliedschaftsarithmetik" habe nur bedingten Erklärungswert: "Individuelles Handeln vermag sie nicht auszuleuchten."

          Im Großen und Ganzen erzählt die Kommission über die Mitwirkung des Amtes bei der Judenverfolgung und Judenvernichtung das nach, was durch die Edition der "Akten zur deutschen auswärtigen Politik" (ADAP) sowie durch Untersuchungen von Christopher Browning (1978), Hans-Jürgen Döscher (1987) sowie Magnus Brechtken (1997) und Sebastian Weitkamp (2008) bekannt ist. In kleineren Abschnitten werden - nicht immer auf der Höhe der Sekundärliteratur - die besetzten Gebiete (ohne die Sowjetunion) abgehandelt.

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