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: Schmerzhafte Spekulation

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Den Großgrundbesitzer und Vorsitzenden des Pommerschen Landbundes Hansjoachim von Rohr rief die Nationalsozialistische Landpost am 29. Januar 1933 zum Hauptfeind aus. Doch fünf Tage später wurde der 1888 geborene Jurist, der als Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) bis 1932 dem Preußischen Landtag angehört hatte, Staatssekretär im Reichsernährungsministerium.

          Den Großgrundbesitzer und Vorsitzenden des Pommerschen Landbundes Hansjoachim von Rohr rief die Nationalsozialistische Landpost am 29. Januar 1933 zum Hauptfeind aus. Doch fünf Tage später wurde der 1888 geborene Jurist, der als Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) bis 1932 dem Preußischen Landtag angehört hatte, Staatssekretär im Reichsernährungsministerium. Nach Berlin holte ihn der Superminister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung Alfred Hugenberg. Der gehörte als DNVP-Vorsitzender zu jenen Steigbügelhaltern, die sich einbildeten, den Reichskanzler Hitler zähmen zu können. Rohr lag an einem Neuanfang in der Agrarpolitik. "Der Bauer müsse von staatlichen Ad-hoc-Maßnahmen entwöhnt und in die Lage versetzt werden, seinen Lebensunterhalt mittels angemessener Erlöse für seine Produkte selbst zu verdienen; zugleich gelte es, zur Verbesserung der Außenhandelsbilanz die Produktionsreserven der deutschen Landwirtschaft zu mobilisieren" durch "richtig dosierte Leistungsanreize" - so Hans Christoph von Rohr über die Konzeption seines Vaters.

          Nach wenigen Wochen geriet der Staatssekretär in Konflikt mit Hitler und Walter Darré, dem Reichsbauernführer und Blut-und-Boden-Fanatiker, der Ende Juni nach Hugenbergs Rücktritt an die Spitze des Ernährungs- und Landwirtschaftsministeriums trat. Rohr blieb zunächst im Amt, griff jedoch die von der NSDAP propagierte Agrarpolitik auch öffentlich an, so dass am 23. September 1933 seine - wohl selbst provozierte - Entlassung erfolgte. Ob die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn alle konservativen Kabinettsmitglieder und Staatssekretäre "sich ähnlich verhalten, unter Inkaufnahme persönlicher Risiken gekämpft hätten und nicht vor dem Druck Hitlers und seiner ,Bewegung' eingeknickt, auf seine Linie eingeschwenkt oder zurückgetreten wären", fragt der Autor. Er will "diese schmerzhafte Spekulation nicht zu Ende denken". Das ist besser so, denn viele andere Zeitgenossen in den Funktionseliten versprachen sich jede Menge von Hitler, sowohl für sich persönlich wie für Deutschland. Demgegenüber hielt Rohr von Anfang an Distanz zum Nationalsozialismus, trat ihm in offizieller Funktion mit Fachkritik entgegen. Obwohl er nicht zu den Verschwörern des 20. Juli 1944 gehörte, kam er in Haft - bis zur sowjetischen Besetzung Berlins. Zwischenzeitlich hatte Sigrid von Rohr "die Flucht aus Haus Demmin heimlich vorbereitet und Kinder, Schwester und Mutter auf dem Treckwagen zunächst nach Mecklenburg auf den Gutshof seiner Schwägerin geführt. Dort traf Rohr mit seiner Familie zusammen, gemeinsam ging es weiter nach Westen."

          Im Nachkriegsdeutschland vermochte sich Rohr mit seinen Vorstellungen nicht durchzusetzen - trotz der von ihm herausgegebenen "Stimmen zur Agrarwirtschaft". Er konnte - wie nun der Sohn berichtet - "in absoluter, dank seiner Abonnenten auch materieller Freiheit denken, schreiben und handeln. Er besaß, wie er immer dankbar feststellte, im Grunde denselben Grad an Unabhängigkeit wie zuvor als pommerscher Gutsbesitzer." Im Februar 1961 übte er Kritik an den Vertriebenenverbänden und sprach sich für eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze aus. In der nordrhein-westfälischen FDP fand er sich parteipolitisch wieder, wollte die Liberalen bundesweit "im politischen Spektrum rechts von der CDU" verortet wissen. 1969 gründete er noch die Zeitschrift "Konservativ heute". Rohr starb Ende 1971 in Bad Godesberg. Sein Sohn erinnert nüchtern und informativ an den unbequemen und unabhängigen Konservativen. Nach dessen Grundüberzeugung durfte übrigens ein Bundestagsmandat "nicht so ausgestattet sein, dass man Anlass habe, sich aus finanziellen Interessen darum zu bewerben; entscheidend müsse ein politischer Gestaltungswille sein. Dafür reiche eine eher bescheidene Grundversorgung aus." Als er landwirtschaftliche Abgeordnete aller Parteien aufforderte, sich den "Griffen in die Staatskasse zu verweigern", soll er manchen seiner politischen Freunde vor den Kopf gestoßen haben.

          RAINER BLASIUS

          Hans Christoph von Rohr: Ein konservativer Kämpfer. Der Agrarpolitiker und NS-Gegner Hansjoachim von Rohr. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2010. 164 S., 16,90 [Euro].

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