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Sachbuch : Die Tragödie der amerikanischen Mediendemokratie

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In seinem Buch „Im Schatten des Sternenbanners“ beleuchtet der amerikanische Journalist Mark Hertsgaard die dunklen Seiten der amerikanischen Demokratie und sucht nach Gründen für das Unverständnis, das den Amerikanern heute oft entgegenschlägt.

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          In seinem Buch „Im Schatten des Sternenbanners“ beleuchtet der amerikanische Journalist Mark Hertsgaard die dunklen Seiten der amerikanischen Demokratie und sucht nach Gründen für das Unverständnis, das den Amerikanern heute oft entgegenschlägt.

          Amerikanischer Informationshunger

          Am Vorabend des Krieges im Irak begeben sich die amerikanischen Mediennutzer im Ausland auf Informationssuche. Das Online-Magazin „Wired“ berichtet am Montag, dass im Januar die Hälfte der Zugriffe auf die Online-Ausgaben der britischen Zeitungen „Guardian“ und „Observer“ aus Amerika stammten.

          „Wired“ beruft sich auf Analysen des eine Untersuchung von Nielsen/Netratings. Danach gehen die höheren Abrufzahhlen nicht auf einen Anstieg des Nachrichtenkonsums zurück, sondern auf eine Verlagerung. Während die Zugriffe auf den „Guardian“ um zehn Prozent gestiegen sind, sind diejeigen etwa auf die Seiten von „CNN“ rückläufig. Denn anders als große Teile der amerikanischen Presse berichte etwa der „Guardian“ nicht nur über die Befürworter des Kriegs, sondern auch über die Gegner. Außerdem rege er die Leser an, die Themen kontrovers zu diskutieren.

          Es gibt also zumal in den Vereinigten Staaten einen starken Bedarf nach verlässlicher und ausgewogener Information. Dies zeigt auch eine andere Nachricht. Am Mittwoch vergangener Woche, am 12. März, hatte das nicht-kommerzielle „Zentrum für Medien und Demokratie“ in Madison (Staat Wisconsin) über seine am Vortag gegründete Webpage berichtet. Darin wurde die Bevölkerung aufgerufen, eigene Kenntnisse über PR-Interessengruppen und Propaganda beizutragen und angebliche Irreführungen und Falschmeldungen der amerikanischen Regierung vor einem Irak-Krieg aufzulisten. Nach der Ankündigung im Internet war der Server für die „offene Seite“ www.disinfopedia.org bereits am Montag so überlastet, dass sie nach Angaben der Betreiber vorübergehend geschlossen wurde.

          Im Schatten des Adlers

          In seinem Buch „Im Schatten des Sternenbanners“ beleuchtet der amerikanische Journalist Mark Hertsgaard die dunklen Seiten der amerikanischen Mediendemokratie und sucht nach Gründen für das Unverständnis, das den Amerikanern heute oft entgegenschlägt. Die meisten Gründe hat er während seiner zahlreichen Reisen in den Ländern Europas, in Südafrika, Ägypten oder China recherchiert. Andere folgen aus der eigenen Anschauung amerikanischer Verhältnisse - wobei sich Hertsgaard in vielem die in Europa verbreiteten Ansichten über sein Land zu eigen gemacht hat.

          Ein Kapitel widmet er der „Hofberichterstattung“, den unkritischen amerikanischen Medien und dem „Witz“, „wir hätten eine liberale Presse“.

          Hertsgaard glaubt. wir Nicht-Amerikaner hätten vermutlich mehr Verständnis für seine Landsleute, wenn wir „wüßten, dass die Amerikaner über die Außenpolitik ihrer Regierung fast überhaupt keine kritischen Informationen erhalten“. Denn Journalisten sollen neutral sein, und deshalb zitierten sie vorwiegend amtliche und halbamtliche Quellen. Das Vertrauen in diese Quellen erinnere an sowjetische Verhältnisse.

          Hinzu komme eine „pathologische Seichtheit“, der vor allem Informationen über das Ausland zum Opfer falle. Von dreißig Minuten Abendnachrichten seien nur weniger als zwei Minuten fürs Ausland reserviert.

          Daher das besserwisserische Cowboygerede, für die Amerikaner berüchtigt seien. Amerikaner hätten keine Ahnung von anderen Ländern, so zitiert Hertsgaard einen Londoner Taxifahrer, solange sie nicht dort einmarschiert seien.

          Wenn es dann mit dem Einmarschieren soweit ist, gelingt es den Medienherrschern nicht, abweichende Meinungen gegen den Krieg zu finden. Zumindest begründen sie selbst so das Fehlen alternativer Standpunkte. Doch wie „anders könnte die Welt aussehen, wenn das amerikanische Volk von all den Dingen wüsste, die seine Medien ihm vorenthalten!“ Stattdessen erführen sie nur, wie böse Saddam sei, aber nicht von den 350 000 Kindern, die als Opfer der Wirtschaftssanktionen gegen den Irak zu beklagen seien.

          Kurz, das Buch enthält alle Argumente derjenigen, die „Amerika“, seine angeblich vereinheitlichende Kultur und seine aggressive Außenpolitik, verurteilen, aber die individuellen Amerikaner lieben. Es enthält die bekannten Einsichten derjenigen, die „Amerikas Freiheit im Innern bewundern“ und denen „das anmaßende Verhalten nach außen ein Rätsel ist.

          Kann das „antiamerikanisch“ sein, wenn es ein Amerikaner schreibt? Vielleicht schafft das Internet ja künftig Abhilfe, wie der aktuelle, durch den bevorstehenden Krieg ausgelöste Informationshunger der Amerikaner anzudeuten scheint. Schließlich ist in Amerika ja bekanntlich alles eine Frage von Angebot und Nachfrage.

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