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Rezension: Sachbuch : Zwischen Islam und Kemalismus

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Analyse der Situation der Türkei am Ende dieses Jahrhunderts

          Udo Steinbach: Die Türkei im 20. Jahrhundert. Schwieriger Partner Europas. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1996. 478 Seiten, 23 Abbildungen und 5 Karten, 49,80 Mark.

          Mit dem Islamisten-Führer Necmettin Erbakan könnte die Türkei zum erstenmal in ihrer modernen Geschichte einen Regierungschef erhalten, der das Land auf längere Frist nach einer "islamischen Ordnung" regiert sehen möchte. Mehr als siebzig Jahre nach Gründung der Republik durch den Kulturrevolutionär Mustafa Kemal Atatürk beginnt die Türkei in gewisser Weise wieder an ihr osmanisches Erbe anzuknüpfen. Zumindest ist sie in den vergangenen Jahrzehnten von diesem Erbe eingeholt worden, das innen- wie außenpolitisch wieder ein beachtlicher Faktor geworden ist. Besonders gilt das für den Islam.

          Zu diesem Urteil gelangt Udo Steinbach, Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg, in seinem neuen Buch "Die Türkei im 20. Jahrhundert. Schwieriger Partner Europas". Steinbach ist der Türkei-Spezialist, der vor Jahren schon in einem Bändchen über den "Kranken Wächter am Bosporus" eine Bestandsaufnahme der Entwicklung dieses wichtigen, an der Nahtstelle zwischen Okzident und Orient gelegenen Landes gewagt hatte. Das neue Buch ist fünfmal so umfangreich und wird ein Standardwerk der Türkei-Publizistik werden, erst recht wenn in einer zweiten Auflage einige Flüchtigkeiten bei Namen-, Zahlen-oder Zeitangaben korrigiert werden sollten.

          Steinbach spannt einen weiten Bogen, so daß der historisch wie politisch Interessierte den Gang türkischer Geschichte von Mittelasien über das Reich der Sultane bis zum Ende unseres Jahrhunderts detailliert verfolgen kann. Der Autor macht kein Hehl aus seiner Auffassung, daß er die "Rückbesinnung" auf einen auch politisch virulenten Islam für nicht ungefährlich hält, verfällt jedoch nicht in den modisch gewordenen Ton, der die seit drei Jahrzehnten im politischen System aktiven Islamisten pauschal zu militanten Reaktionären und Gewalttätern stempelt. Erbakans Wohlfahrtspartei könnte irgendwann einmal ihren natürlichen Platz finden im Parteienpluralismus und selber auch pluralistischer werden, eine Art "Islamisch Demokratische Union". Es ist nach Meinung des Autors auch nicht unmöglich, daß die Regierungsbeteiligung für sie zu einer Zerreißprobe werden wird, in des Wortes wörtlicher Bedeutung: der Spaltung.

          Überhaupt überwiegt der nüchterne Blick des Wissenschaftlers, der die Entwicklung der türkischen Innen- und Außenpolitik in den Jahrzehnten seit dem Tode Atatürks nachzeichnet: die innenpolitische Öffnung unter Ismet Inönü, die Wahlen von 1950, den bedeutsamen Aufstieg und Niedergang des 1961 hingerichteten Ministerpräsidenten Adnan Menderes. Schließlich die Entwicklung, die zu den bisher drei Eingriffen der Militärs führte, zuletzt 1980. Die ökonomisch und gesellschaftspolitisch wichtige Ära von Turgut Özal, in der man daranging, die Staatswirtschaft Atatürks aufzubrechen, wird ebenso gründlich behandelt wie die relativ unstete Entwicklung unter dem Präsidenten Demirel und der vor allem ökonomisch überschätzten Frau Tansu Çiller.

          Wandlungen des Kemalismus werden thematisiert und auch die Ursachen für die Heraufkunft der Religiösen und Pantürkisten unter Alparslan Türkes. Die Krise des Kemalismus spitzt sich nach der Auffassung des Autors heute zu, denn immer unverhüllter fordern die Islamisten den laizistischen Staat heraus, auch wenn sie dessen Spielregeln offiziell einhalten mögen. Die verbalen Angriffe auf Atatürk mehren sich, schon wieder müssen - wie in den zwanziger und dreißiger Jahren - dessen Büsten vor übergriffen religiöser Eiferer geschützt werden. Hinzu kommt das Kurden-Problem, das die Frage aufwirft, ob die Türkei zu einer modernen multikulturellen Gesellschaft werden kann und ob sie, vor allem, den recht fragwürdig gewordenen kemalistischen Begriff einer exklusiven türkischen Nation ohne Unterschiede umzugestalten in der Lage ist.

          Quo vadis, Türkei? Der Ausblick Steinbachs ist bewußt diffus gehalten. Angesichts der innenpolitischen Veränderungen, der neuen Rolle Ankaras in Mittelasien, der kriegerischen Katastrophe auf dem Balkan und anderer Ereignisse konstatiert der Autor eine größere Unsicherheit der türkischen Elite. Der früher eindeutig prowestliche Kurs gilt zwar noch, der Konsens ist jedoch brüchiger geworden. Die Türken, so schließt der Autor, müssen sich zwischen Islam und laizistischem Erbe neu definieren. WOLFGANG GÜNTER LERCH

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