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Rezension: Sachbuch : Zwischen Abgrenzung und Militanz

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Gilles Kepel über islamische Gemeinschaften im Westen

          Gilles Kepel: Allah im Westen. Die Demokratie und die islamische Herausforderung. Aus dem Französischen von Inge Leipold. Piper Verlag, München 1996. 400 Seiten, 48,- Mark.

          Muslime essen kein Schweinefleisch - der Prophet Mohammed, so die Überzeugung des säkularisierten westlichen Menschen, der die Sprache der Religion verlernt hat und "vernünftige" Begründungen braucht, habe dies "wegen der Trichinen" angeordnet. Die Religionswissenschaft erklärt es anders: Speisevorschriften stehen am Beginn einer neuen Religion und sollen abgrenzen, gar ausgrenzen. Der Philosoph Pythagoras, der auch ein Religionsstifter war, hielt Bohnen für unrein; er wollte sich und seine Gemeinschaft der Eingeweihten vom profanen Volk absetzen.

          Die Nation der "Black Muslims" in den Vereinigten Staaten, die Islamische Nation von Louis Farrakhan, entstand ebenfalls durch Abgrenzung und eigene Speisevorschriften. Gilles Kepel, einer der bekanntesten Erforscher des islamischen Fundamentalismus wie des religiösen Fundamentalismus überhaupt, Arabist und Politologe, versucht in seinem neuen, jetzt auf deutsch erschienenen Buch "Allah im Westen" erstmals eine Deutung dreier islamischer Gemeinschaften, die sich in Amerika, Großbritannien und Frankreich mit je unterschiedlicher Geschichte entwickelt haben.

          Die Geschichte des amerikanischen Islams beginnt in Detroit im Jahre 1930. Ein Mann, der Ford Wallace hieß, begann dort während der Weltwirtschaftskrise unter dem Namen "Fard" den arbeitslosen Schwarzen zu predigen, ihre wahre Religion, deren sie von den Sklavenhaltern beraubt worden seien, sei der Islam. Dieser Prophet der Black Muslims ist bis heute eine schillernde Persönlichkeit geblieben, die viele Rätsel aufwirft. Er forderte die Schwarzen auf, nicht länger die Nahrung der Weißen zu sich zu nehmen, überhaupt gesünder zu leben, einmal am Tag zu essen, "um zu leben, nicht um zu essen". Er predigte eine krause Mischung aus biblischen und verwässerten islamischen Lehren, die mit dem orthodoxen Islam kaum noch etwas zu tun hatten. Doch er erreichte, daß Schwarze in den Gettos sich disziplinierten und den Kampf gegen soziales Elend und Drogensucht aufnahmen.

          Kepel deutet diese neue amerikanische Religion, die viele bedenkliche, ja abstoßende Erscheinungen wie einen rassistischen Haß auf die "weißen Teufel und Schweine" und auch einen handfesten Antisemitismus enthält, als eine Antwort der Getto-Schwarzen auf ihre gesellschaftliche Marginalisierung im Amerika der Weißen. Unter den Nachfolgern "Fards", Elija Muhammad, Malcolm X und schließlich Louis Farrakhan, der unlängst seine Islamische Nation zu einem Marsch auf Washington aufgerufen hatte, hat zunächst eine Militarisierung, dann eine gewisse Verbürgerlichung stattgefunden. Farrakhan zeigt sich heute im dunklen Anzug mit Fliege. In Großbritannien, wo hauptsächlich indo-pakistanische Muslime leben, wurde die Gemeinde von Bradford zum Problem, als sie Salman Rushdies Roman "Die Satanischen Verse" als blasphemisch verdammte, das Buch öffentlich verbrannte und auf diese Weise zum Vorreiter einer Protestwelle wurde, die in der sogenannten "Todes-Fatwa" des Ajatollah Chomeini gegen den Schriftsteller gipfelte. Als die Muslime von Bradford sich von der Fatwa distanzierten, gründeten radikale Muslime, angeführt von britischen Konvertiten, ein - nicht gewähltes - muslimisches Parlament, in dem allein sie fortan ihre legitime Vertretung als Muslime Großbritanniens sehen wollten.

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