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Rezension: Sachbuch : Zelig

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Die vielen Rollen des Rassenforschers Clauss

          3 Min.

          Peter Weingart: Doppel-Leben. Ludwig Ferdinand Clauss: Zwischen Rassenforschung und Widerstand. Campus Verlag, Frankfurt am Main und New York 1995. 251 Seiten, 9 Abbildungen, 39,80 Mark.

          Nach der Lektüre dieses Buches wird sich mancher fragen, ob der Wissenschaftler Ludwig Ferdinand Clauss, dessen Schicksal eindrucksvoll geschildert wird, Mitleid oder wenigstens Mitempfinden verdient, ob sein Einsatz als Lebensretter einer Jüdin schwerer wiegt als das, was er als Rassenforscher unter den Nationalsozialisten angerichtet hat. Der Autor, der Bielefelder Soziologie-Professor Peter Weingart, macht es dem Leser mit Absicht nicht leicht, sich ein Urteil zu bilden.

          Weingart beschreibt das aufregende Leben des Ludwig Ferdinand Clauss, der, 1892 als Sohn eines Richters in Offenburg geboren, an der Freiburger Universität zu den bevorzugten Schülern des Philosophen Edmund Husserl gehörte. Durch Husserls Vermittlung lernte Clauss die Studentin der Philosophie und Psychologie Margarete Landé kennen, die in seinem Leben eine entscheidende Rolle spielte. Margarete Landé stammte aus einer angesehenen jüdischen, zum Protestantismus konvertierten Familie und begleitete Clauss, ohne ihm mehr zu sein als eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, auf seinem steinigen Lebensweg.

          Clauss entwickelte eine geisteswissenschaftliche Völkerpsychologie, eine Psycho-Anthropologie, die er als Rassenseelenkunde bezeichnete. Husserl nahm die Theorien seines Assistenten mit Skepsis auf. Weingart beschreibt die Bedenken Husserls so: "Die Trennlinie zum Antisemitismus war ihm, der jüdischer Abstammung war, bedenklich dünn."

          Clauss war darauf aus, fremde Völker in ihrer eigenen Welt zu studieren, ohne sich durch eigene Urteile und Vorurteile das Bild verzerren zu lassen. "Mitleben" nannte er seine Methode, um dieses Ziel zu erreichen, und was er darunter verstand, praktizierte er 1927 in Palästina. Er reiste, nachdem er die arabische Sprache gelernt hatte, in die Wüste jenseits des Jordans und lebte unter den Beduinen, als wäre er einer der Ihren. Clauss war von der Welt des Morgenlandes so beeindruckt, daß er zum islamischen Glauben übertrat. Nach vier Jahren in der Wüste kehrte Clauss nach Deutschland zurück und trat 1933, als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, in die NSDAP ein. Sein Hauptwerk "Rasse und Seele" erreichte siebzehn Auflagen. Dennoch war Clauss mit seinem beruflichen Erfolg nicht zufrieden. Er wandte sich in einem Brief hilfesuchend an Adolf Hitler, der aber offenbar andere Sorgen hatte, als sich um Clauss zu kümmern. In Bedrängnis kam der Rassenseelenforscher, als seine geschiedene Frau ihn im Sommer 1940 beim Rassenpolitischen Amt mit dem Hinweis denunzierte, er sei "in der Hand einer Jüdin", nämlich der Frau Landé. Clauss, der die Jüdin Landé auf seinem Anwesen in Rüthnick im Kreis Ruppin vor den Nazis versteckte und ihr damit das Leben rettete, wies die Angaben seiner früheren Frau zurück und spielte den Antisemiten. Die Nationalsozialisten nahmen ihm das nicht ab. Noch ärger wurde es für Clauss, als führende Nazi-Rassenforscher ihm vorwarfen, er habe ihre Arbeitsmethoden verspottet und erkennen lassen, daß er die Rassenbiologie der Nationalsozialisten ablehne. Darauf wurde Clauss die Lehrbefugnis an der Universität Berlin entzogen. Der Leiter der Parteikanzlei, Martin Bormann, schrieb an das Oberste Parteigericht, das Verhalten des Doktor Clauss komme einer Sabotage der Nürnberger Gesetze und der Judenpolitik der Partei gleich. Deshalb könne er nicht mehr Parteigenosse bleiben. 1943 wurde Clauss aus der Partei ausgeschlossen.

          Nach dem Krieg ließ sich Clauss in Oberursel nieder, wo ihm die Spruchkammer Obertaunus im Januar 1947 in einer Klageschrift mitteilte, daß er wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP und der Waffen-SS in die "Gruppe II der Belasteten (Aktivisten)" eingestuft werde. Wieder verwies Clauss auf seine Methode des "Mitlebens": Wie er als Beduine unter Beduinen gelebt habe, so habe er eine Weile versucht, es als Nazi unter den Nazis auszuhalten, um deren Rassenpolitik entgegenzutreten. Als die Spruchkammer daran Zweifel anmeldete, forderte Clauss zornig, man möge ihn doch bitte in ein Irrenhaus einweisen. Der Jüdin Landé wurde gar unterstellt, sie sei in Deutschland geblieben, um einem Nationalsozialisten bei seiner judenfeindlichen Arbeit zu helfen.

          Der Philosoph Karl Jaspers versicherte Clauss, er habe seine Bücher über Rassenphysiognomie "fast als einzige mit Befriedigung in jenen Zeiten des Rassenwahns" gelesen. Auch das half Clauss nicht, seine Klage auf Wiedergutmachung durchzusetzen. Das Verfahren endete 1962 mit einem Vergleich. 1974 starb Clauss. 1984 wurde in der "Allee der Gerechten" der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu Ehren von Clauss ein Baum gepflanzt. Weingart beschreibt in allen Einzelheiten, wie Clauss versucht hat, als Beduine, als Antisemit und als Nazi in seiner jeweiligen Umgebung mitzuleben, sich den Verhältnissen anzupassen, zuerst, um zu verstehen, dann, um zu täuschen, und schließlich, um die Täuschung wiederaufzuheben. Clauss habe, meint der Autor, sein Leben lang an den Verhältnissen vorbeigelebt. Ein deutsches Schicksal. ALFRED BEHR

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