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Rezension: Sachbuch : Zahlenhaft

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          ALLENSBACH. Immanuel Kant ist der Deutschen liebster Philosoph. Das ahnte man, doch wissen kann man es erst seit 1994, als das Institut für Demoskopie Allensbach Führungskräfte hierzu befragte. Die eigentliche Entdeckung kommt eher beiläufig daher, nämlich daß 43 Prozent der deutschen Führungskräfte "keinen bestimmten" Philosophen für "besonders anregend" oder persönlich "wichtig" halten - und das zu einer Zeit bekannten, da man den Eindruck gewann, kein deutscher Manager komme ohne Karl Popper aus. Mit dem Namen Allensbach verbinden sich jedoch wesentlich gewichtigere Erkenntnisse, etwa diese: "Diktaturen geben ihren Bürgern ein Gefühl moralischer Überlegenheit und Geborgenheit." Nur die Allensbacher Wissenschaftler haben die Tollkühnheit, einen solchen Satz niederzuschreiben, der zwar auf den Erhebungen in der untergegangenen DDR fußt, aber selbstverständlich auch als Erklärung herangezogen werden könnte für die unfaßbare Erfahrung, daß sich viele Leute, die keine Handlanger oder gar Mitarbeiter der Hitler-Diktatur waren, sich in dieser etwa bis zum Kriegsbeginn gut aufgehoben fühlten. Gleich, wo man den Band aufschlägt, man trifft auf Zahlen, die mehr erklären als nur das, wozu sie erhoben wurden. So antworteten im September 1995 Führungskräfte auf die Frage, ob an ihresgleichen strengere moralische Maßstäbe angelegt werden müßten, 83 von hundert mit einem glatten Ja, während nur sechzehn Prozent gegenteiliger Ansicht waren. Daraus kann man verschiedene Schlüsse ziehen, etwa daß führende Steuersünder bei den Leuten ähnlicher Einkommensklassen keineswegs angesehen sind. Man braucht sich aber auch nicht mehr zu wundern, wieso der amerikanische Präsident Clinton innerhalb weniger Tage soviel an Glaubwürdigkeit und damit an Macht verlieren konnte. Wenn auch nicht die Zahlen aus Allensbach jenseits des Atlantiks volle Gültigkeit haben, die Fragen haben sie schon. (Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1993-1997, herausgegeben von Elisabeth Noelle-Neumann und Renate Köcher. Band 10. Demoskopische Entdeckungen. K. G. Saur Verlag, Verlag für Demoskopie Allensbach am Bodensee, München 1997. 1268 Seiten, 398,- Mark.) G. H.

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