https://www.faz.net/-gqz-2d98

Rezension: Sachbuch : Würfelzucker lenken

  • Aktualisiert am

Abenteuerliche Gedankengänge zur DDR-Konsumkultur

          4 Min.

          Ina Merkel: Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR. Alltag & Kultur, Band 6. Böhlau Verlag, Köln, Weimar und Wien 1999. 429 Seiten, 103 Abbildungen, 78,- Mark.

          Simone Tippach-Schneider: Messemännchen und Minol-Pirol. Werbung in der DDR. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999. 250 Seiten, Abbildungen, 49,80 Mark.

          "Schwalbe" hieß in der DDR ein Moped, das weit verbreitet war. Es war preiswert und nach vergleichsweise kurzer Wartezeit zu bekommen. Die "Schwalbe" entsprach dem kommunistischen Ideal: Sie war ein auf seinen Gebrauchswert reduzierter Gebrauchsgegenstand, für jeden erschwinglich, von jedem nutzbar. So wie der "Trabant" oder die Plattenbauwohnung. So gesehen bestätigt die "Schwalbe" Ina Merkels These, dass die Konsumkultur in der DDR "ein Versuch unter vielen anderen (war), Lösungen für ähnliche Problemlagen zu finden: für die Aufhebung sozialer Unterschiede, die Verschwendung knapper Ressourcen, das Maßverhältnis zwischen Bedarf und Bedürfnis". Die Autorin geht noch weiter: In den ersten Jahren der DDR habe es "eine grundsätzliche Übereinstimmung mit der Politik der Versorgung" gegeben. Später jedoch habe die DDR-Führung die eigenen Ideale aufgegeben. Seit Honeckers Machtantritt habe der Sozialismus in der DDR versucht, äußerlich wie der Kapitalismus in der Bundesrepublik auszusehen. "Damit wurde das Konzept der Gegenmoderne aufgegeben." Merkel wehrt sich auch gegen den Begriff der Mangelgesellschaft, der auf die DDR wie selbstverständlich angewendet wird. Er ziele, sagt sie, am Selbstverständnis der DDR vorbei. Sie zitiert Rosa Luxemburg: Der Sozialismus sei "keine Messer-und-Gabel-Frage, sondern eine große Kulturbewegung". So klingt es fast, als sei die Autorin enttäuscht, wenn sie feststellt: Das Feld des Konsums ist zum eigentlichen Schlachtfeld der Systemauseinandersetzung geworden.

          Merkels Thesen passen nicht zu dem, was sie über die Konsumkultur in der DDR erzählt. Die Menschen in der DDR wollten - in ihrer Mehrzahl jedenfalls - einfach besser leben und nicht die Versuchskaninchen eines neuen Gesellschaftsmodells sein. Eine "grundsätzliche Übereinstimmung über Ziele und Inhalte", die Ina Merkel sieht, hat es nie gegeben. Das wird nur heute nach zehn Jahren Erfahrung mit dem Kapitalismus gern behauptet. Weil den Menschen in der DDR der Konsum genauso wichtig war wie den Menschen in der Bundesrepublik, war die SED-Parteiführung gezwungen, dauernd über die "Versorgung der Bevölkerung" zu diskutieren. "Insbesondere die Weihnachtsversorgung geriet zur alljährlichen Staatsaktion", schreibt Merkel. Sie zitiert auch einen Beschluss des Ministerrates von 1960: "Der Minister für Handel und Versorgung wird beauftragt, . . . Maßnahmen zu ergreifen, dass Würfelzucker in solche Gebiete gelenkt wird, wo normalerweise der Verbrauch von Würfelzucker üblich ist." Das ist lächerlich, so lächerlich wie die Politbüro-Debatten über Kaffee, Zahnbürsten oder Damenschlüpfer. Dabei führten fast alle handelspolitischen Entscheidungen ins Desaster, weil sie Angebot, Nachfrage, Wert und Preis ausklammerten, denn das gehörte zum Kapitalismus. Merkel fügt Beispiel an Beispiel, das aus heutiger Sicht Anekdotische daran ist manchmal witzig, manchmal tragikomisch. So erzählt Merkel in einer Fußnote von einem Bürstenfabrikanten, der in sein Angebot Bohnerbürsten aufgenommen hatte. Er betreibe industrielle Produktion, wurde ihm von den gegenüber "Kapitalisten" stets misstrauischen Steuerbehörden beschieden, er müsse höhere Steuersätze zahlen. Der Fabrikant ging einen anderen Weg: Er stellte keine Bohnerbürsten mehr her.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rückzug von Prinz Andrew : Vorzeitiger Ruhestand

          In der langen Geschichte des britischen Königshauses ist so etwas wohl noch nicht passiert: Ein Prinz legt alle öffentlichen Aufgaben nieder. Prinz Andrew holt jetzt nach, was er in seinem missglückten Interview unterlassen hatte.
          Alles ganz harmlos? Marko G. und einer seiner Anwälte in Schwerin

          „Prepper“ vor Gericht : Munition und Waffen für den Tag X

          Ein „Prepper“ soll sich laut Anklage auf den Zusammenbruch des Staates vorbereitet haben. Er tut so, als habe er sich in Untergangsphantasien „hineingesteigert“.
          Martina Merz geht voran, Aufgaben warten viele.

          Verheerende Bilanz : Die Lage ist bedrohlich

          Was wird aus Thyssen-Krupp? Der deutsche Traditionskonzern hat eine steinige Strecke vor sich. Gefordert sind jetzt harte Entscheidungen, die auch die Mitarbeiter treffen werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.