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Rezension: Sachbuch : Wir hier oben, ihr da unten

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Eine nicht ganz unvoreingenommene Innenbetrachtung der PDS

          4 Min.

          Christian v. Ditfurth: Ostalgie oder linke Alternative? Meine Reise durch die PDS. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998. 352 Seiten, 39,80 Mark.

          Im Januar 1997 wurde vor dem Schweriner Parteitag der PDS eine von einem "Bündnis linker Schriftsteller, Theologen, Wissenschaftler und Gewerkschafter" gemeinsam erarbeitete "Erfurter Erklärung" veröffentlicht, in der für ein breites "Bündnis für soziale Demokratie" unter Einschluß von SPD, Bündnisgrünen und PDS geworben wird. Christian Ditfurth gehört zu den Unterzeichnern des Manifests und wirbt in seinem Buch für dessen Einlösung. Koalitionen würden zur Erhaltung der "linkssozialistischen Alternative" PDS beitragen und ihr den Weg ebnen, "sich ganz von Stalin zu befreien".

          Wie die verquere Formulierung zeigt, steht der Verfasser der PDS keineswegs vorbehaltlos gegenüber. Der Leser entnimmt dem mit persönlichen Erlebnisschilderungen unterhaltsam angereicherten Erfahrungsbericht, daß Ditfurth viele Jahre lang der DKP angehörte, dabei die DDR kennenlernte und an der Ost-Berliner SED-Parteischule "Franz Mehring" als Kader weitergebildet wurde. Später hat er der DDR und der DKP den Rücken gekehrt und sich als Journalist mit den ehemaligen Blockparteien und der PDS kritisch auseinandergesetzt. Nun kamen ihm seine persönlichen Kontakte zu DKP-"Erneuerern", die zur PDS übergelaufen waren, seine Kenntnis der DDR und der dort verbreiteten Mentalitäten zugute.

          Ditfurths Reise durch die verschiedenen Strömungen und Ebenen der PDS ähnelt einer Fahrt mit der Geisterbahn. In den mitgliederstarken Landesverbänden "Neufünflands" grassiere nicht nur DDR-"Ostalgie", sondern spuke gar das Gespenst Stalins. In dem Bestreben, die eigene Biographie zu retten, flüchte man sich nicht selten in abstruse Legitimationskonstrukte. Als Beispiel zitiert Ditfurth in einem der über den Band verstreuten Dokumenteneinschübe die "ökologische" Rechtfertigung der Mauer und der mit Minen, Selbstschußanlagen und Stacheldraht bewehrten Grenzstreifen aus der Feder eines ND-Lesers: "Weil ja keiner raus und rein kam, konnte sich die Natur völlig geschützt entwickeln." Sahra Wagenknecht, die junge Pasionaria der Kommunistischen Plattform (KPF), beschreibt Ditfurth als "die hübsche Frau mit den häßlichen Gedanken". Ihre Anhänger unterhielten ein "taktisches Verhältnis zur Wahrheit". Die PDS-Führung trenne sich nicht von der KPF, weil deren Meinungen "in der gesamten PDS verbreitet sind" und "ideologische Mehrheiten finden". Auch das gegenüber der KPF stärker gewordene Marxistische Forum bleibt nicht verschont. Dessen Aufruf "In großer Sorge" charakterisiert der Autor als das Produkt all jener, "die als Parteiintelligenz jeden Winkelzug des Politbüros mit akademischen Weihen versehen hatten". Hart geht er mit dem K-Gruppen-Sektierertum der schwächlichen westlichen PDS-Verbände ins Gericht. Und am Beispiel eng mit der PDS verflochtener Interessenvereinigungen wie ISOR, GRH und GBM wird gezeigt, daß sich die Partei in der Masse ihrer Mitglieder als "Rächerin der entmachteten DDR-Eliten" versteht.

          Zu diesem ungeschminkten Bild von den Stimmungen, Anschauungen und Mentalitäten der "Basis" steht das der Parteiführung in grellem Kontrast: Der Mannschaft um Gysi, Bisky, Brie und Bartsch bescheinigt Ditfurth großzügig, sie habe sich "aus der geistigen Sklaverei des Stalinismus" befreit, sei - mit vielen anderen in den Vorständen der Partei - inzwischen "in der Bundesrepublik angekommen" und stehe auf dem Boden des Grundgesetzes. Sie habe mit dem demokratischen Zentralismus gebrochen und erscheine "pluralistischer als alle anderen Parteien". Von der "Diktatur des Proletariats" habe man sich ebenso verabschiedet wie von der "historischen Mission der Arbeiterklasse". Ditfurth bringt es auf folgende Formel: "Die Partei hat sich nicht erneuert, sie leistet sich Erneuerer in der Führung. Sie leistet sich einen demokratischen Sozialismus, den an der Basis kaum einer kennt oder kennen will." Eine weithin "stalinistische" Basis und eine demokratisch-reformistische Führung: Wie reimt sich das zusammen? Ditfurths Buch ist offenbar das Produkt eines schmerzhaften Lernprozesses, den der Leser über die Kapitel hinweg rekonstruieren kann. Das ehemalige DKP-Mitglied ist sich inzwischen des diktatorischen Charakters des DDR-Regimes bewußt, er würdigt demokratische Errungenschaften der Bundesrepublik. Er streicht Parallelen zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus heraus und geht in seiner Würdigung der Verbrechen des Kommunismus so weit, deren Negation mit der Auschwitzlüge auf eine Stufe zu stellen. Offengelegt wird auch der Mißbrauch, den Kommunisten mit dem Begriff des "Antifaschismus" getrieben haben. Doch so manches Versatzstück des Marxismus-Leninismus hat die ideologische Entrümpelung überlebt. Die "Enteignung des Finanzkapitals", meint Ditfurth, sei nach 1945 versäumt worden, und man habe die "alten Eliten weitgehend ungeschoren" davonkommen lassen. Die "Organisierung des praktischen Widerstandes gegen die bestehenden kapitalistischen Verhältnisse" gilt ihm auch heute als Gebot der Stunde.

          Ob er die Vergangenheit seiner ehemaligen politischen Freunde ausreichend aufgearbeitet hat, erscheint bei allen unleugbaren Fortschritten zweifelhaft. Der "demokratische Impetus der Partei Rosa Luxemburgs" erstrahlt nur in hellem Sonnenschein, wenn man ihn mit dem unter Thälmann vergleicht. Daß der großzügige Umgang mit dem Stalinismusbegriff die Zustände in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution ausblendet und die Verantwortung Lenins und Trotzkis verkleinert, schiebt der Autor beiseite. Auch wer ihm zustimmt, wenn er Marx und Engels gegen die völlige Vereinnahmung durch den "realen Sozialismus" in Schutz nimmt, muß die Nichtbeachtung aller totalitären Elemente in deren Lehren monieren.

          So entgeht Ditfurth auch die für das Selbstverständnis der PDS-Führung entscheidende Rolle des Gramscismus und der Lehre von der "kulturellen Hegemonie". Darüber hinaus wird vieles ausgespart, was die PDS-Führung in anderem Licht erscheinen lassen könnte (wie die Bündnispolitik mit kommunistischen Parteien aus aller Welt). Doch mindern all diese Einwände nicht den Wert des Buches in seiner Eigenschaft als ehrlicher, kurzweiliger und in seinen Beobachtungen vielfach treffsicherer Erfahrungsbericht über die "Strömungen", "Arbeitsgemeinschaften" und "Plattformen" an der Basis der PDS. UWE BACKES

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