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Rezension: Sachbuch : Wilde Milde

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GESTAPO. Der Stolz auf regionale Eigenständigkeiten ist im deutschen Südwesten besonders ausgeprägt. Baden galt und gilt vielen nicht nur als "das schönste Land in Deutschlands Gaun", sondern auch als ein traditioneller Hort liberaler Werte gegen das ungeliebte "Preußentum". Diese positive Konnotation wird ...

          GESTAPO. Der Stolz auf regionale Eigenständigkeiten ist im deutschen Südwesten besonders ausgeprägt. Baden galt und gilt vielen nicht nur als "das schönste Land in Deutschlands Gaun", sondern auch als ein traditioneller Hort liberaler Werte gegen das ungeliebte "Preußentum". Diese positive Konnotation wird oft sogar auf die badische Geschichte in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur übertragen. Danach soll der Nazi-Terror in Baden weniger schlimm gewütet haben als anderswo. Ja, selbst die Gestapo sei, so kolportierten ehemalige Polizeibeamte, in diesem sonnigen Ländle noch vergleichsweise milde vorgegangen. Nun liegt endlich eine Gesamtdarstellung der badischen Gestapo vor, die solche Behauptungen mit den Tatsachen konfrontiert. Ein Vorzug dieser Studie ist, daß sie neben Organisation, Personal und Verfolgungspraxis auch Voraussetzungen und Nachwirkungen der Staatspolizei beschreibt. In Baden hatte es schon vor 1933 eine politische Polizei gegeben, so daß die neuen Machthaber zunächst auf den überkommenen Strukturen aufbauen konnten. Erst die "Verreichlichung" der Gestapo nach 1936 führte zu einer zweiten Gleichschaltung und Verjüngung des Personals, das nun auch durch auswärtige Kräfte verstärkt wurde. Zugleich weitete sich die politische "Gegnerbekämpfung" zur rassistischen Volkstumspolitik gegen alle als rassisch oder sozial "minderwertig" eingestuften Personen. Diese zunehmende Radikalisierung bedeutete aber keineswegs, daß die staatspolizeiliche Tätigkeit in den ersten Jahren durch Zurückhaltung geprägt war. Die Gestapo in Baden arbeitete von vornherein als zuverlässige und typische Behörde im "Dritten Reich", deren brutale Effizienz nicht durch landsmannschaftliche Einflüsse abgeschwächt wurde. Auch in dieser Region mußte die Gestapo auf die Amtshilfe anderer Dienststellen sowie auf die Denunziationen aus der Bevölkerung zurückgreifen. Der Autor weist aber überzeugend nach, daß diese fremde und allzu bereitwillige Unterstützung kein Notprogramm oder Zeichen polizeilicher Schwäche war, sondern Teil eines planmäßigen Verfolgungsnetzwerks. Die badische Gestapo war weder harmlos noch überfordert, sondern ein effektives Instrument des Terrors. Stolle räumt mit der Legende von der staatspolizeilichen "Milde" in Baden auf und korrigiert an einem regionalen Beispiel die Unterschätzung der Gestapo durch die jüngere Forschung. (Michael Stolle: Die Geheime Staatspolizei in Baden. Personal, Organisation, Wirkung und Nachwirken einer regionalen Verfolgungsbehörde im Dritten Reich. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001, 411 Seiten, 39,- Euro.)

          JOHANNES HÜRTER

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