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Rezension: Sachbuch : Wie entstand der Erste Weltkrieg?

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Niall Ferguson auf der bemühten Suche nach einem Strom, um dagegenzuschwimmen

          Niall Ferguson: Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das zwanzigste Jahrhundert. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999. 509 Seiten, 49,80 Mark.

          Nach einem oft zitierten Wort des amerikanischen Historikers und Diplomaten George F. Kennan stellt der Erste Weltkrieg die "Ur-Katastrophe" unseres Jahrhunderts dar. Seine Bedeutung für die "Weltgeschichte Europas" (Hans Freyer) ist nicht hoch genug einzuschätzen, seine Nachwirkungen dauern bis in die Gegenwart. Daher ist es kein Wunder, daß immer wieder danach gefragt wird, wie es zu diesem "Großen Krieg" der Jahre zwischen 1914 und 1918 gekommen ist, wie er sich entwickelt hat und wie er beendet wurde.

          Die neueste Monographie dazu hat der britische Historiker Niall Ferguson vorgelegt. Unter dem englischen Originaltitel "The Pity of War" wird der "schädliche, bedauerliche Krieg" anhand einer Reihe zentraler Fragen untersucht, die eher in Form von aneinandergereihten Essays als im Zusammenhang einer in sich geschlossenen Darstellung beantwortet werden. Ziel des Autors ist es, die überlieferten Deutungen der Geschichtsschreibung grundlegend zu revidieren. Dazu bedient er sich des methodischen Instruments der kontrafaktischen Betrachtung: Was wäre gewesen, wenn, fragt der Verfasser ein um das andere Mal. So zu verfahren ist legitim, wenn die zutage geförderten Alternativen ein historisches Fundament in den zeitgenössischen Zeugnissen finden, aber es wird problematisch, wenn sich diese Vorgehensweise in gegenwartsbestimmten Wunschvorstellungen auflöst. Daß ein Fernbleiben Großbritanniens vom Ersten Weltkrieg England und dem Empire viel von seiner 1914 angestammten Position belassen hätte, ist anzunehmen; die Überlegung ist ebenso interessant wie spekulativ. Aber daß eine deutsche Hegemonie über den europäischen Kontinent, die Großbritannien vor dem Hintergrund einer seit Jahrhunderten verbindlichen Tradition auch 1914 zu verhindern bestrebt war, einer "Europäischen Union, wie wir sie heute kennen" gar nicht "unähnlich" gewesen wäre, erscheint doch mehr als zweifelhaft.

          In dieser Perspektive kritisch zu bewerten sind nicht wenige der entschieden vorgetragenen Thesen des Autors, der dadurch Beachtung zu finden versucht, daß er gegen den Strom schwimmen will. Oftmals freilich bleibt von einer angeblichen Revision gar nicht viel übrig, wenn man das, was behauptet wird, mit dem Stand der Forschung vergleicht. Mit nicht geringem Aufwand weist der Verfasser beispielsweise die Erklärung zurück, wonach der Erste Weltkrieg durch Militarismus, Imperialismus und Geheimdiplomatie "unvermeidlich" geworden sei. Allein, der attackierte Befund repräsentiert schon lange nicht mehr die vorwaltende Meinung der Historiographie, die das verursachende und veranlassende Motivbündel für den Kriegsbeginn weit differenzierter entflochten hat. Daß die führenden deutschen Politiker und Militärs im Juli 1914 "aus einem Schwächegefühl heraus handelten", betont der Autor zu Recht. Doch diese Tatsache ist beileibe nicht neu, sondern gilt seit der Erklärung des Thukydides für den Beginn des Peloponnesischen Krieges als ein geläufigtes Interpretationsmuster, wonach der vermeintlich Schwächere den als Feind angesehenen Stärkeren zu attackieren geneigt ist.

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