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Rezension: Sachbuch : White Man's Heaven

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Eine Biographie des schwarzen Rassisten Farrakhan

          Hans Hielscher: "Gott ist zornig, Amerika". Der Aufstieg des Schwarzenführers Louis Farrakhan. Politik im Taschenbuch, Band 16. Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 1996. 160 Seiten, 19,80 Mark.

          Der Aufstieg Louis Farrakhans, alias Louis Walcott, vom einstigen Calypso-Musiker und politischen Radikalen zum bekanntesten und umstrittensten Repräsentanten der Schwarzen in Amerika war möglich wohl nur in einem Lande unbegrenzter Möglichkeiten. Farrakhan ist der Chef der "Schwarzen Muslime" in den Vereinigten Staaten, der "Nation of Islam", einer Organisation von nicht mehr als 30000 Mitgliedern. Aufsehen erregte er zuletzt, als er im Oktober 1995 zum "Million Man March" auf Washington aufrief. Farrakhans Weltbild entstammt der kruden Doktrin der "Nation of Islam": "Schwarz ist gut, weiß ist schlecht."

          Farrakhan wurde 1933 als Sohn einer von den Antillen stammenden Mestizin geboren. Er war ein glänzender Schüler. Nach drei Jahren College verließ er es, um sich der Musik zu widmen. Als Pianist und Geiger, Calypso- und Country-Music-Sänger tritt er in Nachtclubs auf. Insbesondere liebt er die Musik von Beethoven, Mozart und Mendelssohn-Bartholdy. Auf der Violine ist er ein Virtuose. Bis 1955 tingelte Louis Walcott durch die Vereinigten Staaten; dann trifft er Elijah Muhammad, den die "Schwarzen Muslime" als Gesandten Allahs verehren. Walcott ist von seinen Ideen fasziniert. Zur selben Zeit trifft er Malcolm X. Um mit der alten Identität zu brechen, ersetzt er "Walcott" durch "X", bis ihm Elijah Muhammad den Phantasienamen Farrakhan verleiht. Von nun an stellte er seine musischen Talente in den Dienst der "Nation of Islam". Er komponiert ein Chanson, das zur offiziellen Hymne werden sollte. "A White Man's Heaven is a Black Man's Hell" (Das Paradies des Weißen ist die Hölle des Schwarzen).

          Nach dem Tode Elijah Muhammads spaltete Farrakhan die Organisation und übernahm die Führung der "Nation of Islam". Er baute sie zu einer schlagkräftigen und disziplinierten Organisation aus. Farrakhan hat bis heute mit dem Antisemitismus-Vorwurf zu kämpfen. Wie berechtigt ist er? Farrakhans antijüdischen und antiisraelischen Äußerungen sind Legion. Er wird als Volksverhetzer dargestellt, der seine Brüder gegen die Juden aufbringe. Er persönlich sei die Ursache für den schwarzen Antisemitismus in den Vereinigten Staaten. "Das stimmt nicht", so Hielscher, der Verfasser seiner Biographie. Obwohl die Juden in den sechziger Jahren wesentlich zur Emanzipation der schwarzen Amerikaner beigetragen hätten, schloß das den Haß der Schwarzen auf die Juden nicht aus, so der Autor. Nach Farrakhan haben nur Juden, Frauen und Homosexuelle von der Bürgerrechtsbewegung profitiert, wohingegen die Schwarzen immer weiter zurückgefallen seien.

          Wie denkt nun Farrakhan über die Juden? Er sieht sich in der Rolle eines neuen Propheten. "Die Juden haben einmal Jesus gehaßt; jetzt hassen sie Farrakhan", so der Prediger auf einer Großkundgebung in New York City. "Wer waren die Feinde von Jesus?", rief er seinem Publikum im Madison Square Garden zu. Die Antwortschreie: "Die Juden!" Farrakhan: "Die jüdische Lobby hat die US-Regierung im Würgegriff." Laute Zustimmung. "Ja, so ist es; gib es ihnen, Bruder!" Auch Farrakhans Sicherheitschef Khalid Muhammad ergeht sich in plumper antisemitischer Rhetorik. Vor College-Studenten beschimpfte er die Juden als Nachkommen von "Leuten, die einst auf allen vieren krochen und einander auffraßen". Trotz massiver Proteste jüdischer Organisationen blieb er im Amt, obwohl sich Farrakhan von ihm förmlich distanzierte.

          Farrakhans Antisemitismus wird in Hielschers Buch leider zuwenig dokumentiert. So hält Farrakhan die Schaffung Israels für einen "ungesetzlichen Akt". Sie sei "Lug und Trug" und beruhe auf der Beraubung der Palästinenser. Das Judentum bezeichnete er als "gutter religion" (Scheißreligion). Bereits 1985 richtete er eine "Warnung an die Juden", die heute noch auf Kassette vertrieben wird.

          Bleiben Farrakhans Antisemitismus und seine guten Kontakte zu vielen radikalen Politikern in aller Welt ein großes Handicap für volle gesellschaftliche Anerkennung, so sind seine Leistungen auf gesellschaftspolitischem Gebiet, zum Beispiel für die Hebung des Selbstbewußtseins der Schwarzen, sehr beachtlich. Die Sozialarbeit seiner Organisation gilt als vorbildlich. Seine Aids-Kritik und sein Feldzug gegen die Drogensucht haben Farrakhan viel Sympathie eingebracht. In seinem neuesten Werk "Eine Fackel für Amerika" schlägt er Strategien vor, die über die schwarze Klientel hinausreichen. Sie sind ein Zeichen dafür, daß er auf breite Akzeptanz aus ist. Auch der "Million Man March" sollte ein Zeichen setzen, daß Farrakhan aus der Ecke des Sektierers herauswill.

          Hielschers Geschichte der "Schwarzen Muslime" in den Vereinigten Staaten und ihres Repräsentanten Farrakhan ist auch eine sozialkritische Zustandsbeschreibung der amerikanischen Gesellschaft. Was einst als kultureller Schmelztiegel begann, endet als multikultureller Albtraum. Das Buch ist als eine erste, nützliche Einführung in die Geschichte und Ideenwelt der "Schwarzen Muslime" zu verstehen, für die Farrakhan Symbolfigur ist. LUDWIG WATZAL

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