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Rezension: Sachbuch : Wem gehört das Jahrhundert?

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Deutsch oder nicht: Jäckels historische Bilanz hat einen hohen Rang

          Eberhard Jäckel: Das deutsche Jahrhundert. Eine historische Bilanz. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1996. 368 Seiten, 87 Abbildungen, 49,80 Mark.

          Warum dieser Titel? Das Buch beginnt mit einer Unterhaltung zwischen Raymond Aron, einem französischen Soziologen, der in Deutschland studiert hatte, und dem in Breslau geborenen, schon in den dreißiger Jahren aus der Heimat vertriebenen, heute amerikanischen Historiker Fritz Stern. Aron bemerkte 1979 in Berlin melancholisch gegenüber Fritz Stern, das 20. Jahrhundert hätte Deutschlands Jahrhundert sein können. Stern gab ihm recht: In der Geschichte des modernen Europa habe es immer ein Land gegeben, nacheinander Spanien, Frankreich, Holland, Großbritannien, das ein Zeitalter nicht nur beherrschte, sondern prägte. "So konnte man am Anfang des Jahrhunderts erwarten, daß Deutschland einen solchen Vorrang erreichen würde." Jäckel fährt fort, es sei kein Widerspruch, sondern im gleichen Sinne gemeint, wenn sein Buchtitel sage: "Es war das deutsche Jahrhundert. Kein anderes Land hat Europa und der Welt im 20. Jahrhundert so tief seinen Stempel eingebrannt wie Deutschland."

          Das läßt sich bezweifeln, und Jäckel selbst zögert offensichtlich bei dieser Behauptung. Er hält für möglich, daß man das 20. Jahrhundert auch das russische, mit noch größerem Recht das amerikanische nennen könne. In der Tat. War unser Jahrhundert nicht geprägt vom Aufstieg der Vereinigten Staaten zur schließlich einzigen Weltmacht? Auch vom Siegeszug der amerikanischen Zivilisation und Kultur, vom Hamburger bis Hollywood? Vermutlich glaubt Jäckel, die von ihm wiederholt betonte Einzigartigkeit der Judenvernichtung rechtfertige seinen Titel. Aber ist das so? Man braucht nur an die unerhörten Massenverbrechen des Stalinismus zu denken oder an die millionenfach umgebrachten Grundbesitzer beim Sieg der chinesischen Kommunisten, man muß sich Kambodscha, auch Serbien oder Ruanda stellvertretend für alle Schauplätze des Grauens vor Augen halten, um zu erkennen, daß das 20. Jahrhundert in vielen Erdteilen eine Phase bis dahin unbekannter, unerhörter Ausrottungsaktionen gewesen ist. Und was ist mit den Kriegen? Die moderne Technik hat auch sie weltweit brutalisiert, unschuldige Frauen und Kinder zu Tausenden, zu Millionen dahingerafft.

          Erst recht kann, obwohl Jäckel das Gegenteil meint, deutsches Großmachtstreben nicht als einzigartig gelten, wie der verbreitete Imperialismus des Jahrhundertanfangs, später der jahrzehntelange Siegeszug der Sowjetunion beweist. Wenn die Hitlerzeit, wie Meinungsumfragen zeigten, wirft Jäckel ein, der wichtigste historische Bezugspunkt der Deutschen sei, auch das Ausland uns noch immer vorwiegend unter diesem Gesichtspunkt betrachte, sei zumindest in dieser Hinsicht "das deutsche Jahrhundert" noch nicht zu Ende. Ich weiß nicht. Wie man es auch dreht und wendet: Die beschämenden zwölf Jahre waren nicht das Jahrhundert, und es war überhaupt nicht das unsere, weder im Guten noch im Bösen.

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