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Rezension: Sachbuch : Wechselseitige Anerkennung

  • Aktualisiert am

Die jüdische Bevölkerung Breslaus im kaiserlichen Deutschland

          Till van Rahden: Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Großstadt von 1860 bis 1925. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen und Zürich 2000. 382 Seiten, 78,- Mark.

          Wie haben die Juden im Kaiserreich unter der mehrheitlich christlichen Einwohnerschaft gelebt, als Glaubensgemeinschaft und Ethnizität? Dies untersucht Till van Rahden am Beispiel Breslaus. Die Bevölkerungszahl der Stadt wuchs innerhalb von fünf Jahrzehnten um das mehr als Vierfache von 120 000 auf 500 000 Einwohner. Von einer Trikonfessionalität der Stadt ist die Rede, das heißt: Knapp 60 Prozent der Einwohner waren protestantisch, nahezu 35 Prozent Katholiken, und die Zahl der jüdischen Bevölkerung wird für 1876 mit 7,18 und für 1906 mit 5,7 Prozent beziffert.

          Themen sind die eigene gesellschaftliche Position, das private und öffentliche Miteinander, Schule und Kommunalpolitik. Ausdrücklich vermerkt wird, daß Wissenschaft und Universität wie auch der religiöse Bereich ausgegrenzt worden sind. Da gerade das Gesellschaftliche in dieser sozialwissenschaftlichen Arbeit im Vordergrund steht, ist diese Ausgrenzung zu bedauern. Eine Ausnahme macht die ausführlich behandelte Ehrenbürgerwürde des berühmten Biologen Ferdinand Julius Cohn. Während in Berlin mit der größten jüdischen Gemeinde der erste Ehrenbürgerbrief an einen jüdischen Bürger erst 1914 verliehen wurde, geschah dies in Breslau 1897, und 1901 folgte die Auszeichnung an den zweiten jüdischen Bürger, an Justizrat Wilhelm Salomon Freund. Breslau war damals die drittgrößte jüdische Gemeinde, die zweitgrößte Frankfurt am Main.

          Über das selbst gestellte Thema hinaus will van Rahden einen Beitrag liefern zur "Geschichte der Juden zugleich als Teil der modernen jüdischen, der deutsch-jüdischen und der allgemeinen deutschen Geschichte". Trotz dieser ehrenwerten Intention spiegeln die einzelnen Kapitel in der Hauptsache die Situation in Breslau wider. Gleich zu Beginn erfährt der Leser auch noch von einer weiteren Absicht, einen Bezug herzustellen zwischen dieser Studie über die Breslauer Juden vor dem Ersten Weltkrieg zur "gegenwärtigen Diskussion über das Wagnis der multikulturellen Gesellschaft". Dem Buch ist es jedoch gut bekommen, daß die Behandlung des eigentlichen Themas den aktuellen Diskussionsstoff zurückdrängt.

          Die ersten beiden Kapitel des Buches sind die wichtigsten, da sie über die Sozialstruktur und das Vereinsleben mit einer fleißig erarbeiteten Exaktheit berichten. Alle nur greifbaren Statistiken über Einkommensstruktur und Berufsgruppen, über Vereinsgeschichten und Festschriften werden gründlich ausgewertet. Es sei unzutreffend, die Juden als Erwerbspersonen ausschließlich in der Gruppe der Besserverdienenden verstehen zu wollen. Zum anderen geht aus der Statistik der Berufsgruppen hervor, daß unter dem jüdischen Kleinbürgertum der Anteil 6,9 Prozent betragen hat, unter den Protestanten und Katholiken jedoch 61,3 und 31,9 Prozent. Unbestritten bleibt nach wie vor der hohe Anteil von jüdischen Bürgern unter den freien Berufen und im Kaufmannsstand.

          Im Dreiklassenwahlrecht des Kaiserreiches ergab das gegenüber dem Anteil an der Bevölkerung einen überproportionalen Anteil an der Mitbestimmung in der Kommunalpolitik und auch im Vereinsleben der Stadt. Es steht fest, daß "Juden innerhalb des Breslauer Bürgertums eine Kerngruppe waren, nicht eine kleine Minderheit. Juden prägten den liberalen, eher staatsfernen und größten Flügel des Breslauer Bürgertums. Juden bildeten das Rückgrat des Breslauer Linksliberalismus überhaupt, zumindest solange das Dreiklassenwahlrecht in Kraft blieb."

          Nicht geleugnet wird, daß es auch bereits in der Kaiserzeit antisemitische Tendenzen gegeben hat, zum Beispiel, wenn ein Verein sich weigerte, Juden als Mitglieder aufzunehmen. Aber es blieben auch insofern Randerscheinungen, als es dann gleich wieder zu Gegengründungen gekommen ist. Das Petitum, eigene jüdische Schulen zuzulassen, wurde auch vom mehrheitlich obwaltenden Linksliberalismus nicht erfüllt. Aber es gab dafür auch die andere Lesart, indem gerade die Schule als der Ort des Miteinanders der unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse pädagogisches Lob erhielt.

          Der Zeitraum von 1860 bis 1925 bestimmt den Untertitel des Buches, obwohl sich van Rahden auf die Zeit des Kaiserreiches zwischen 1871 und 1918 konzentriert. Im knapp gehaltenen Schlußkapitel werden die Jahre nach der Novemberrevolution von 1918 kurz eingebracht, und das Jahrzehnt vor 1871 wird kaum einbezogen. Aus den wenigen Seiten über die Verhältnisse in den ersten Jahren der Weimarer Republik läßt sich ein Doppeltes registrieren: Der gerade von Juden getragene Linksliberalismus verlor infolge des allgemeinen gleichberechtigten Wahlrechts seinen bestimmenden Einfluß, und gleichzeitig gewannen antisemitische Tendenzen bis hin zu Anschlägen auf Menschen an bedrohlichem Einfluß.

          Statt des Begriffes einer Symbiose während des Kaiserreiches sieht van Rahden "die Beziehungen zwischen Juden und anderen Breslauern" lieber verstanden als "eng und durch ein weitgehendes Maß an wechselseitiger Anerkennung geprägt". Das Buch soll auch den Beweis dafür liefern, und dem ist zuzustimmen, daß es "eine direkte oder verschlungene Kontinuitätslinie" zwischen der Situation der Juden in der Kaiserzeit "zum Nationalsozialismus und Holokaust" nicht gab, jedenfalls keine in "der Geschichte von Juden und anderen Breslauern vor 1914".

          Unter dem besonderen thematischen Blickwinkel eröffnet der (leider von Wiederholungen nicht ganz freie) Band ein Stück Breslauer Stadtgeschichte in der Kaiserzeit. Während der fast fünf Jahrzehnte wurden, um nur einige - auch im Buch hin und wieder erwähnte - Namen zu nennen, bedeutende Männer als Juden in Breslau geboren: der Maler Eugen Spiro, der Physiker und Nobelpreisträger Max Born und der Kunsthistoriker Ernst Scheyer.

          HERBERT HUPKA

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