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Rezension: Sachbuch : Was die Runen raunen

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Erberinnerungen, Theozoologie: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus

          Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Mörth. Leopold Stocker Verlag, Graz 1997. 261 Seiten, 33 Seiten Abbildungen, 49,80 Mark.

          Im Umgang mit Epochen waren sie nicht zimperlich. Demnächst würde das Tausendjährige (großgermanische) Reich anbrechen. Darin stimmten sie überein. Die Vergangenheit betreffend, gingen ihre Ansichten etwas weiter auseinander. Einer, Guido von List (1848-1919), favorisierte die heidnisch-germanische Frühzeit und den Typus "Priesterkönig". Ein anderer, Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954), berief sich aufs Mittelalter und den Typus "Mönchsritter". Ein dritter, Rudolf von Sebottendorff (1875-1945), steuerte altnordische Ufer an: Ultima Thule. Ein vierter, Karl Maria Wiligut (1866-1946), rechnete noch etliche Jahrzehntausende weiter zurück, datierte die Blütezeit der Wiligoten - seiner eigenen Vorfahren! - um 12 500 v. Chr. und wußte sich auch mit Armin dem Cherusker und Herzog Wittekind verwandt. Dabei kam ihm seine "hellseherische Erberinnerung" zustatten.

          Auch die übrigen drei legten sich, mehr oder weniger begründet, Adelsprädikate zu, was in keinem Fall mit den Niederungen beruflichen Fortkommens zu tun hatte, sondern ihrem elitären Bewußtsein besser entsprach, als es ein bürgerlicher Name und ein bürgerlicher Beruf vermocht hätten. Wäre er doch, wie sein Vater, Lederhändler geblieben, wünscht man sich bei der Lektüre von Lists Lebenslauf, seinem weitverzweigten Wirken als Schriftsteller, Volks- und Brauchtumsforscher, Geheimbündler, Logengründer und Visionär einer ario-germanischen Gesellschaft, die, nach Rasseregeln vom Lohnsklaven zum Herrenmenschen gestaffelt, anmutet wie ein Modell für die 30 Jahre später erlassenen Nürnberger Gesetze.

          Buchautor Nicholas Goodrick-Clarke nimmt jeden Faden auf, der sich im Knüpfteppich von Lists Weltbild findet: germanische Mythologie, Theosophie, Kabbala sowie Geheimlehren der Freimaurer, Rosenkreuzer und Templer. Ebenso akribisch porträtiert er die Ansichten und Aktivitäten der bereits genannten und einer Handvoll weiterer Bündler, die alle völkisch-konservativ gesinnt und in Esoterikzirkeln engagiert waren. Aufschlußreicher als das Phänomen selbst sind die Ursachen und wohl auch die Folgen.

          Der um die Jahrhundertwende zu beobachtende Rückschwung des gründerzeitlichen Fortschrittsglaubens, der gegen Industrie und Großstadt, Liberalität und Demokratie gerichtete Kulturpessimismus bot einen speziellen Nährboden für Ängste und Überheblichkeiten - in Deutschland, erst recht aber in Österreich. Bezeichnenderweise stammten List, Lanz und Wiligut alle aus Wien. Bei vielen Österreichdeutschen lösten damals die "Überfremdung" im Vielvölkerstaat, die "slawophile" Regierung, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts (für Männer 1907) und das explosionsartige Wachstum der Städte Ängste aus. Der Wunsch nach elitärer Absonderung und das zum Wahn des Auserwähltseins gehörige Feindbild wurde auf Liberale und Juden, Kapitalisten und Kleriker projiziert. Man suchte Zuflucht bei den Alldeutschen, im Germanenbund und in der "Los-von-Rom"-Bewegung des Abgeordneten Georg von Schönerer. Dessen Votum: "Nur das Blut begründet Bürgerrecht" war den Lists und Lanzens aus dem Herzen gesprochen. So wurden sie Rassisten.

          Lanz von Liebenfels gründete 1907 den Neutempler-Orden und gab von 1905 bis 1930 eine Broschürenreihe heraus, benannt nach der germanischen Frühlingsgöttin "Ostara" und konzipiert als Ratgeber für die Züchtung von Ariern. Haßerfüllt nicht nur gegen den politischen Gleichheitsgrundsatz, sondern auch gegen die christliche Nächstenliebe, fand er, die Religion sei seit dem Mittelalter sentimental geworden, und forderte - wie früher schon der deutsche Orientalist Paul de Lagarde - ein arisiertes Christentum. Gottmenschen und Tiermenschen, helle und dunkle Rassen bildeten den Stoff seiner sogenannten Theozoologie, wonach vorzeiten die Minderwertigen mittels Promiskuität "die edlen Arier auf der Evolutionsleiter herabzogen". Der lange Kampf der "Asinge" gegen "Sodoms Äfflinge" müsse nun in den Wehen des Weltkriegs gewonnen werden. Danach sei für die "Minderwertigen" Sklavenarbeit, Deportation, Auslöschung vorzusehen.

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