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Rezension: Sachbuch : Wandel durch Kirchturmpolitik

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Wie der Vatikan in den siebziger Jahren drauf und dran war, die DDR anzuerkennen

          Karl-Joseph Hummel (Herausgeber): Vatikanische Ostpolitik unter Johannes XXIII. und Paul VI. 1958-1978. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1999. 257 Seiten, 58,- Mark.

          Es gehört zu den gesicherten Erkenntnissen der zeitgeschichtlichen Forschung, dass der deutsche Katholizismus zwischen 1945 und 1989 eine der stärksten Klammern der deutschen Einheit war. Die Gründe dafür sind vielschichtig: sie reichen von der uneingeschränkten Ablehnung des Kommunismus als Weltanschauung über die Verschränkung von staatlichen und kirchlichen Interessen zu Zeiten Adenauers, die Legitimation der DDR möglichst zu schwächen, bis zu den legendären "Dienstbesprechungen" der Spitze des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) mit Repräsentanten der Berliner Ordinarienkonferenz, die erst 1989 mit der Wiedervereinigung endeten.

          Es fehlte indes nicht viel, und der Vatikan hätte in den siebziger Jahren der DDR jene Anerkennung zuteil werden lassen, die ihr selbst die SPD-geführten Bundesregierungen mit hartnäckiger Unterstützung der Deutschen Bischofskonferenz (West) versagte: die Legitimation von Mauer, Selbstschussanlagen und Todesstreifen zwischen den beiden Teilen Deutschlands als einer endgültigen Grenze zweier souveräner Staaten. Nicht völkerrechtlich, aber faktisch: 1976 verlieh Papst Paul VI. ohne erkennbare Vorleistungen des DDR-Regimes der Berliner Ordinarienkonferenz probeweise den Status einer Regionalkonferenz mit eigenen Statuten; im Juni 1978 beschloss derselbe Papst, mit Datum vom 25. August die auf dem Gebiet der DDR liegenden Teile der (Erz)Bistümer Fulda, Osnabrück, Paderborn und Würzburg endgültig der Jurisdiktion der westdeutschen Bischöfe zu entziehen und die bisherigen Bischöflichen Ämter Schwerin, Magdeburg und Erfurt-Meiningen in Apostolische Administraturen, Vorstufen von selbstständigen Bistümern, umzuwandeln. Ausgeführt wurde diese Entscheidung nicht mehr. Zunächst fuhr Kardinalstaatssekretär Casaroli, dessen Rolle als "Architekt" der so genannten vatikanischen Ostpolitik oft überschätzt wird, in Urlaub. Dann, am 6. August 1978, starb der Papst, ohne die vorbereiteten Dokumente unterzeichnet zu haben.

          Insgesamt war Paul VI., der keinen Zweifel an der unabsehbaren Dauer des imperium sovieticum hatte, mit seiner "Ostpolitik" weit gekommen. Auf Drängen des polnischen Episkopats hatte Montini 1972 - nach der Ratifizierung des Warschauer Vertrags - die ehemals deutschen kirchlichen Territorien jenseits der Oder-Neiße-Linie reorganisiert. Neu geordnet wurden nur die einst deutschen, nicht aber die ehemals polnischen, nun im Westen der Sowjetunion liegenden Gebiete. Damals traten an die Stelle der im Päpstlichen Jahrbuch "zu Deutschland gehörenden" Diözesen Breslau und Ermland sowie der Freien Prälatur Schneidemühl die vier neuen polnischen Bistümer Oppeln, Landsberg (Warthe), Stettin-Kammin und Köslin-Kolberg. Ermland blieb Bistum, Breslau als Erzdiözese wurde neu umschrieben, und Görlitz, das vorher zu Breslau gehörte, wurde zur ersten Apostolischen Administratur auf dem Boden der DDR. Damit hatte der Vatikan als erster westlicher Staat den völkerrechtlichen Vorbehalt eines endgültigen Friedensvertrages für Gesamtdeutschland negiert. Dass eine Regelung für die in Polen verbliebenen deutschen Katholiken und Worte des Trostes für die Heimatvertriebenen unterblieben, fiel daher nicht mehr ins Gewicht.

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