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Rezension: Sachbuch : Wahlurne oder Widerstand

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Über die Zerreißproben der algerischen Islamisten

          Séverine Labat: Les islamistes algériens entre les urnes et le maquis. Editions du Seuil, Paris 1995. 347 Seiten, 130,- französische Franc.

          1962 hat die algerische Nationalbewegung ihr Land von der französischen kolonialen Herrschaft befreit. Wie aus dem Konflikt zwischen den rivalisierenden Lagern innerhalb dieser Bewegung dreißig Jahre später ein brutaler Bürgerkrieg entstehen konnte, veranschaulicht die junge französische Historikerin Séverine Labat in ihrem Buch "Die algerischen Islamisten zwischen Wahlurnen und Widerstand". Die seit Erlangen der Unabhängigkeit und bis vor kurzem mit Unterstützung der Militärs regierende "Nationale Befreiungsfront" (FLN) erfüllte bei der Staatsgründung nicht die Erwartungen ihrer islamisch orientierten Waffenbrüder, die einen unabhängigen algerischen islamischen Staat mit aufbauen wollten.

          Wirkungsfeld Moschee

          Die "Vereinigung der Religionsgelehrten (Ulema)", aus der die algerische Nationalbewegung ursprünglich hervorgegangen war, sah sich durch die Etablierung des Machtmonopols der rivalisierenden und autoritären FLN ihrer islamistischen Vision beraubt. So wurde etwa 1964 Bachir al Ibrahimi, Vorsitzender der Ulema-Vereinigung, der den Islam durch das "Fortschreiten des Staatssozialismus" gefährdet sah, unter Hausarrest gestellt, nachdem er gegen die Teilnahme freizügig gekleideter algerischer Mädchen an einer offiziellen Parade in Algier vehement protestiert hatte. Da der Konflikt zwischen sozialistischen und islamistischen Nationalisten von letzteren nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen werden konnte, verlagerte er sich bald auf andere Ebenen, wie etwa das Erziehungswesen.

          Die Islamisten waren es, die eine verstärkte Arabisierung im Erziehungssystem durchsetzten. Der politische Einfluß der Ulema blieb jedoch im großen und ganzen eher begrenzt. Die Radikalen unter ihnen, die in Konflikt mit dem von der Regierung streng kontrollierten religiösen Establishment geraten waren, verloren schnell ihre Posten. Nun wandten sie sich direkt ans Volk und fanden ein neues Wirkungsfeld in den Moscheen der Hauptstadt Algier. Ihre Gefolgschaft rekrutierte sich vor allem aus der urbanen Mittelschicht, die an den Universitäten das inzwischen realisierte Arabisierungsprogramm durchlaufen hatte und nicht selten über eine akademische Ausbildung im technischen Bereich verfügte. Diese Generation griff die Ideen der islamistischen Strömung in der algerischen Nationalbewegung auf, allen voran die Vision von einem modernen algerischen Staat, in dem Islam, Wissenschaft und Technik in Einklang gebracht werden sollen.

          Als sich Ende der siebziger Jahre in Algerien die Wirtschaftslage infolge stets sinkender Ölpreise immer mehr verschlechterte, wurde die Diskrepanz zwischen der von der Regierung propagierten Modernisierungsvision und der Realität zunehmend größer. Die Islamisten fanden jetzt mit ihrer alternativen Fortschrittsideologie immer mehr Anhänger, vor allem an den Universitäten und in der arabisierten gebildeten Schicht, die sich durch die im Staatsapparat herrschenden frankophonen "Technokraten" von der politischen Arena und den beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten ausgeschlossen und folglich marginalisiert fühlte. Die Aversion dieser Schicht gegenüber dem "verwestlichten" Regime Algeriens ist zum Teil das Erbe der Väter: Nicht wenige von ihnen, wie etwa der Vater des in Deutschland lebenden FIS-Aktivisten Rahah Kebir, gehörten zum islamistischen Lager der Mudschahedin, der einstigen Freiheitskämpfer.

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