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Rezension: Sachbuch : Wachtturm im Wachpostenstaat

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Als ein geistig umnachteter Anhänger der Religionsgemeinschaft aus Sachsen seine Frau tötete, erließ die sächsische Landesregierung zunächst ein Verbot sämtlicher Gottesdienste der Zeugen Jehovas. Am 30. August 1950 erfolgte dann ein generelles Verbot in der DDR. Noch bevor es öffentlich bekannt werden konnte, besetzte die Staatssicherheit das Bibelhaus in Magdeburg. Es folgte eine Verhaftungswelle.

Vor dem Obersten Gericht der DDR begannen Schauprozesse mit bekanntem Personal: Generalstaatsanwalt war Ernst Melsheimer, dem Gericht saß Hilde Benjamin vor. Jetzt lauteten die Vorwürfe auf Spionage, antidemokratische Hetze und Kriegshetze. Hilde Benjamin verstieg sich im Prozeß zu der Bemerkung, daß die Zeugen Jehovas damals wie heute Spionage betreiben würden und deshalb sowohl unter den Nationalsozialisten als auch jetzt verurteilt werden müßten. Überall in der DDR begannen daraufhin ähnliche Verfahren. Wo Richter oder Anwälte das durchsichtige politische Spiel nicht mitmachen wollten, wurden sie ausgetauscht. Die Urteilsbegründungen waren von der Staatssicherheit vorgegeben, oft auch die Urteile selbst.

Unter diesem Druck hielten die Zeugen Jehovas jedoch nur noch stärker zusammen als bisher. Sogar in den Gefängnissen kam es zu Taufen. Fortan versuchte die Staatssicherheit, informelle Mitarbeiter einzuschleusen oder Zeugen Jehovas für ihre Sache zu gewinnen. Nur in wenigen Fällen gelang dies. Bis zum Ende der DDR schaffte es die Staatssicherheit nicht einmal, überall in der DDR herauszubekommen, wer sogenannter Bezirks- oder Kreisdiener war. In gewisser Weise hatte der SED-Staat in den siebziger Jahren resigniert. Manchmal noch wurde eine Ordnungsstrafe verhängt, wenn eine Zusammenkunft der Zeugen Jehovas bekannt wurde. Manchmal wurden Exemplare des "Wachturm" beschlagnahmt, wenn sie entdeckt wurden - etwa in einem Brotlaib.

Die Wehrdienstverweigerer blieben für den SED-Staat ein Problem. Auch die 1964 gebildeten Baueinheiten lösten dieses Problem nicht, denn die Zeugen Jehovas verweigerten jeden Wehrdienst, auch den ohne Waffe. Sie kamen vor das gefürchtete Militärgericht. Auch in den Militärstraflagern fruchteten die Disziplinierungsversuche nichts. Wurde etwa Gleichschritt befohlen, blieben die jungen Männer stehen. Im Laufe der Jahre bildeten sich regelrechte Rituale im Umgang mit Totalverweigerern heraus. Die Zahl der jeweils in einem Jahr eingezogenen und also verhafteten Zeugen Jehovas blieb konstant wie auch die Zahl der Häftlinge insgesamt, weshalb alle drei Jahre überhaupt kein Zeuge Jehovas eingezogen wurde. Ausnahmen gab es auch hier. 1980 etwa wurden an einem Tag 286 junge Zeugen Jehovas verhaftet. Am Schluß der DDR war der SED-Staat so ausgelaugt, daß er sich nicht einmal mehr zur Verfolgung der Zeugen Jehovas aufraffen konnte. Es hätte auch keinen Zweck gehabt, denn etwa 20 000 Zeugen Jehovas hat es in der DDR immer gegeben, egal wie groß die Verfolgung war.

Weshalb gelang es nicht, die Richter von einst nach dem Ende der DDR juristisch zu belangen? Ein Richter, der an Prozessen gegen Zeugen Jehovas beteiligt, aber noch in den fünfziger Jahren in den Westen geflohen war, wurde dort zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Wer jedoch bis zum Ende der DDR geblieben war, muß nichts befürchten. Dirksen endet mit dem Satz: "Es bleibt die überraschende Feststellung, daß trotz Kritik derjenige, der begangenes Unrecht eingesteht, verurteilt wird, dreiste Vertreter der sozialistischen Maxime aber wegen ,Indoktrination' freigesprochen werden." Nicht in der Rechtsprechung, fährt er fort, sondern offenbar nur in der Wissenschaft könne die Auseinandersetzung mit DDR-Unrecht geführt werden. Dirksens Buch ist dazu ein in jeder Hinsicht gewichtiger Beitrag.

FRANK PERGANDE

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