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Rezension: Sachbuch : Vorwiegend polemisch

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Ein wenig erhellendes Buch über "Hitlers militärische Elite"

          Gerd R. Ueberschär (Herausgeber): Hitlers militärische Elite. Band 1. Von den Anfängen des Regimes bis Kriegsbeginn. Primus Verlag, Darmstadt 1998. 302 Seiten, 49,80 Mark.

          Seit die Wehrmacht einer hauptsächlich durch die Medien getragenen kritischen Neubewertung unterworfen ist, steht auch die militärische Elite des NS-Staates erneut am Pranger. Nicht ganz zu Unrecht! Wie niemals Zweifel bestehen durften, daß die Wehrmacht das Instrument einer verbrecherischen Politik war, so auch nicht an der besonderen Verantwortung ihrer Führung. Es geht also weniger um neue Erkenntnisse als vielmehr darum, längst Bekanntes anders zu gewichten und neu zu bewerten. Dabei scheint auch bei dem vorliegenden Versuch wieder einmal die deutsche Art zu triumphieren, von einem Extrem ins andere zu fallen.

          Die Militärelite zu durchleuchten setzt zunächst einmal eine klare Definition voraus. Die kann sicher nicht deckungsgleich mit den mehr als 3000 Generalen und Admiralen sein: Vielmehr sollte sie sich auf die Inhaber von Schlüsselfunktionen begrenzen, die an den politisch-strategischen Entscheidungen teilhatten. Sodann geht es darum, aus deren Lebensläufen Erkenntnisse darüber zu gewinnen, inwieweit Herkunft, Erziehung und Ausbildung sie zu Handeln oder Unterlassen bestimmten, das einerseits den Mißbrauch der Wehrmacht durch die NS-Politik ermöglichte oder andererseits im konkreten Fall zu Kriegsverbrechen einzelner Soldaten oder ganzer Truppenteile führte.

          Der Herausgeber erhofft sich Antworten auf diese Frage durch Kurzbiographien ausgewählter Militärs, die er in zwei Bänden vorstellt. Der vorliegende erste Band umfaßt die Zeit "von den Anfängen des Regimes bis Kriegsbeginn" und präsentiert dem Leser 32 Lebensläufe. Man fragt sich, nach welchen Gesichtspunkten diese Auswahl getroffen wurde. Bis auf wenige Ausnahmen - bisher kaum erwähnte Generalärzte und -richter - dürften die vorgestellten Persönlichkeiten dem historisch-politisch gebildeten Leser bekannt sein. Im zweiten Band sollen dann jene Militärs folgen, die erst im Verlauf des Krieges in führende Stellungen eingerückt sind.

          Nach Studium des ersten Bandes sind erhebliche Zweifel angebracht, ob diese Veröffentlichung das gesteckte Ziel erreicht. Statt einer vom Leser erwarteten Auswertung der Kurzbiographien, bezogen auf das gewählte Thema, begnügt sich der Herausgeber mit einem auf sechs Seiten begrenzten Vorwort. Auch der am Schluß des Bandes enthaltene übergreifende, vorwiegend polemische Beitrag zur Frage von "Gefolgschaft, Gehorsam und Widerstand" wird dieser Erwartung nicht gerecht. Die von 20 Autoren gelieferten Kurzbiographien sind von recht unterschiedlicher Qualität: Einige befremden durch ihre Oberflächlicheit, andere weisen vermeidbare Fehler auf, wenige sind wirklich bereichernd.

          Auch Zweifel an der Wissenschaftlichkeit kommen auf, da der Herausgeber schon im Vorwort mit der unhaltbaren Behauptung aufwartet, sicher habe es Wehrmachtseinheiten und Wehrmachtsangehörige gegeben, die von den Verbrechen nichts wußten. Damit wird der historische Tatbestand umgekehrt; denn in Wirklichkeit wußte die Mehrheit davon nichts, konnte es auch nicht wissen - und die wenigsten waren sich der verbrecherischen Kriegführung bewußt. Um so mehr belastet dies die militärische Elite. Deshalb ist eine Untersuchung dieser brennenden Frage geboten. Doch das vorliegende Buch hält nicht, was sein Titel verspricht. Daran vermögen auch einige durchaus beachtenswerte Abhandlungen nichts zu ändern.

          GÜNTHER KIESSLING

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