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Rezension: Sachbuch : Vorurteils-Schablonen

  • Aktualisiert am

Noel Malcolms große "Kurze Geschichte" des Kosovo

          4 Min.

          Noel Malcolm: Kosovo. A Short History. Macmillan, London 1998. 600 Seiten, 20 Pfund Hardback, 12 Pfund Paperback.

          Der Balkan ist gesättigt mit Geschichte, mit historischer Mythologie, übersättigt und überfressen, wie Winston Churchill hellsichtig einmal gesagt hat. Das vorliegende Buch ist so wichtig, weil es uns mit Sympathie für die Bewohner aller Teile dieses zerklüfteten, wilden Balkans die Nahtstellen beschreibt und die Knotenpunkte aufdröselt, ohne die man nicht zu einem Verständnis kommen kann. Richard Holbrooke berichtet in seinen Memoiren, wie ihm der britische Botschafter in Belgrad Ivor Roberts einen Brief mitten in den Gesprächen - kurz nach den ersten Nato-Luftschlägen im August 1995 auf serbische Munitionsdepots - zusteckt, die der endgültigen Beendigung des serbischen Imperial-Wahn-Traumes dienen: "Roberts mahnte mich in einem ausführlichen Brief, nie zu vergessen, daß die Serben sich als Opfer der Geschichte fühlen. Drängen Sie sie nicht in die Ecke, mahnte er mich, sonst schlagen sie zurück!"

          Unter dieser Mahnung und daß sie die letzten fünf Jahre befolgt wurde, - leidet das, was man kümmerlich EU-Politik nennt, bis in unsere Tage. Und setzt sich fast bruchlos fort aus dem einen (bosnischen) in das nächste Szenarium: Kosovo. Wie zur ungewollten Demonstration dessen, was wir tief fühlen: Wir Menschen lernen nichts - oder wenig - aus der Geschichte. Manchmal auch nichts aus der gerade eben beendeten Zeitgeschichte.

          Noel Malcolms Buch hat seinen Wert in der Aufdeckung der Schwächen aktueller Politik und Semantik. Er untersucht die Klischees der nationalistischen Geschichtsschreibung, und zwar der Historiographien aller Seiten, der serbischen und der albanischen, nach der die ottomanische Zeit eine Fremdherrschaft für die Kosovo-Region gewesen sei. Etwas, was sich nach Noel Malcolm ganz aktuell in der barbarischen Zerstörung aller ottomanischen Monumente im jüngsten Bosnien-Krieg geäußert hat. "Das ottomanische Erbe, was das Erbe des Islam einschließt, ist etwas, was zu der Kultur der Völker des Balkans gehört. Dieses Erbe als ,fremd' abzutun und zurückzuweisen ist historisch absurd - so wie es für irische Schriftsteller absurd wäre, die englische Sprache zurückzuweisen!"

          Die aktuelle Diskussion beginnt mit den konkurrierenden geopolitischen Bezeichnungen. Als im Herbst Vuk Draskovic die Hoffnungen vergessen machte, die die Studenten in Belgrad in ihn setzten, als man gemeinsam dabei war, Slobodan Milosevic zu stürzen, gebrauchte er das alte großserbische Vokabular: Kos-Met, Kosovo und Metohija, die alte, für die Ohren der Albaner schmerzliche Abkürzung aus der Zeit des Albaner-Fressers und Gründers der Tito-Geheimpolizei Aleksandar Rankovic. Metohija ist die griechisch-byzantinische Bezeichnung für einen orthodoxen Klosterstaat, während die Kosovo-Albaner dieses Gebiet im Westen Dukagini-Plateau nennen, nach dem Begründer ihres "Kanun", ihres ethnischen Kanons. Wirtschaftlich und militärstrategisch ist die Region bedeutend. 1920 übernahm eine britische Firma die Ausbeutung der Trepca-Minen, die weltführend in der Ausbeutung von Magnesit und in Europa führend in der Förderung von Zink, Silber und Chrom waren.

          Das war auch den geschäftstüchtigen Nazis klar. Adolf Hitler unterteilte die Okkupationszone nach 1941: "Er trug Sorge, daß die deutsche Okkupationszone auf jeden Fall die Trepca-Bergwerkszone und auch die umliegenden Bergwerke und Fabriken umfaßte. Innerhalb von drei Monaten kam es dazu, daß täglich mit einem Güter-Frachtzug nicht weniger als 500 Tonnen Zink und Kupfer ins Deutsche Reich abtransportiert wurden, um dort die Kriegsindustrie am Laufen zu halten."

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