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Rezension: Sachbuch : Von Wilhelm II. zu Helmut II.

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Henning Köhler: Deutschland auf dem Weg zu sich selbst. Eine Jahrhundertgeschichte, Hohenheim Verlag, Stuttgart/Leipzig 2002. 749 Seiten, 39,90 Euro.Die letzten vierzig Seiten der "Jahrhundertgeschichte" des streitbaren Historikers Köhler sind der "unerwarteten Wende" von 1989 und den Folgen bis zur Abwahl Helmut Kohls 1998 gewidmet: ein klares und hohes Lied auf den Kanzler der Einheit.

          Henning Köhler: Deutschland auf dem Weg zu sich selbst. Eine Jahrhundertgeschichte, Hohenheim Verlag, Stuttgart/Leipzig 2002. 749 Seiten, 39,90 Euro.

          Die letzten vierzig Seiten der "Jahrhundertgeschichte" des streitbaren Historikers Köhler sind der "unerwarteten Wende" von 1989 und den Folgen bis zur Abwahl Helmut Kohls 1998 gewidmet: ein klares und hohes Lied auf den Kanzler der Einheit. Er habe sich "von den Brüskierungen durch Mitterand, Thatcher und auch Gorbatschow" nicht beeindrucken lassen, ihm sei mit der sowjetischen Zustimmung zu einer Nato-Mitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschlands ein politisch-diplomatischer Erfolg gelungen, "bei dem höchste Vorsicht geboten war". Seine einzigartige und oft unterschätzte Fähigkeit habe während der Kanzlerschaft darin bestanden, "im persönlichen Kontakt eine Vertrauensgrundlage zu schaffen".

          So sei es Kohls Absicht gewesen, im Ausland nach allen Seiten den Einigungsprozeß abzusichern; nur im Inland habe er eine politische Kraft einfach "links liegen" gelassen - die SPD: "Halbherzige Angebote zur Kooperation lehnte er brüsk ab, denn die Einbeziehung einer so zerrütteten Partei hätte nur zusätzliche Schwierigkeiten bereitet. Wohl gab es noch die alten Sozialdemokraten mit Brandt an der Spitze, die den Regierungskurs im Grunde billigten. Aber den Ton gaben inzwischen die ,Enkel' an. Oskar Lafontaine wurde im Frühjahr zum Kanzlerkandidaten gewählt. Sein politisches Profil war eindeutig: Ende November 1989 wollte er die Bürger der DDR nicht mehr als Deutsche im Sinne des Grundgesetzes anerkannt sehen; die Überwindung der Teilung hielt er nur im europäischen Rahmen - also nie - für möglich. So focht er auch ursprünglich gegen die Einführung der D-Mark in der DDR und drohte mit seinem Rücktritt als Kanzlerkandidat, als die SPD der Währungsunion - wenn auch mit einigem Wenn und Aber - zustimmte. Hierbei wurde er von Gerhard Schröder unterstützt."

          Köhler lobt Kohls Ausdauer, seine Führungskraft und das Geschick, "in einem feindlichen Medienumfeld einen zuverlässigen Apparat" aufgebaut zu haben, "der ihn gründlich vorbereitete und in die Lage versetzte, umsichtig zu agieren und die politischen Herausforderungen zu bestehen"; er habe dazu beigetragen, der deutschen Geschichte am Ende des 20. Jahrhunderts eine "fundamentale Wende zu geben". Die 1989/90 aufkommende Furcht vor einer neuen aggressiven Großmacht in der Mitte Europas sei inzwischen verstummt, keine "Tendenzen zum Rückfall in die dunklen Seiten der Vergangenheit" wirksam geworden.

          Viel Licht will Köhler auf die Zeit davor werfen, wobei ihm bewußt ist, daß sich das 20. Jahrhundert - von Kaiser Wilhelm bis Kanzler Kohl - nicht auf einen einheitlichen Nenner bringen läßt, daß bei einer Gesamtdarstellung immer "der Mut zur Lücke gefordert" sei. Und so bürstet er manches Forschungsergebnis gründlich gegen den Strich, und er bürstet - wie es seine Art ist - manchen Kollegen gründlich ab. Eine anregende Lektüre ermöglicht dieser pointierte Überblick, der sicherlich Widerspruch im Detail hervorrufen will und unter den zeithistorisch Interessierten eher die Fortgeschrittenen ansprechen wird. Wenn Köhler beispielsweise die Krise um den wegen angeblicher Homosexualität im Februar 1938 entlassenen Heeresoberbefehlshaber Werner von Fritsch skizziert, fällt die zutreffende Bemerkung: "Das Verhalten Hitlers war nicht so einzigartig, wie es zunächst scheinen mag. Ganz ähnlich verhielt sich auch Bundesverteidigungsminister Wörner in der Affäre Kießling." Keine weiteren zeitlichen und näheren Angaben werden geliefert, so daß die Frage erlaubt ist, welcher jüngere Leser, der die Anfänge der Kohl-Ära nicht bewußt "miterlebt" hat, mit einem solchen Hinweis etwas anzufangen weiß.

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