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Rezension: Sachbuch : Von Hitler aus dem Bett geholt

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Und was Mussolini sonst noch ärgerte / Graf Ciano als Gegenstand und Quelle einer Biographie

          4 Min.

          Ray Moseley: Zwischen Hitler und Mussolini. Das Doppelleben des Grafen Ciano. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Angelika Beck. Henschel Verlag, Berlin 1998. 317 Seiten, 20 Abbildungen, 48,- Mark

          Ein Jahr vor dem mißglückten Staatsstreich gegen Hitler, am 25. Juli 1943, wurde in Rom Mussolini gestürzt. In einer eindrucksvollen Studie hat der polnische Historiker Jerzy Borejsza nachgewiesen, daß es die faschistische Partei-Elite war, die gegen das Idol ihrer Jugend revoltierte. Spitzenfunktionäre des eigenen Regimes schleuderten dem wie versteinert wirkenden Duce ihre Vorwürfe entgegen: Durch sein verhängnisvolles Bündnis mit Hitler habe er Italien in den Krieg und damit in die größte Katastrophe seiner Geschichte gestürzt. Anführer dieser Fronde war sein Schwiegersohn, Graf Ciano, der ihm seine steile Karriere bis zum Außenminister verdankte. Er und einige andere Mitglieder des "Großen Faschistischen Rates" waren mit Handgranaten, die sie in den Taschen ihrer schwarzen Uniformmäntel verbargen, in die Sitzung des obersten Parteigremiums gekommen. Man befürchtete, daß Mussolini kurzen Prozeß machen und sie alle verhaften lassen würde. Im Gegensatz zu den deutschen Verschwörern gegen Hitler hatten sie keinerlei Skrupel, notfalls mit Waffengewalt gegen den Diktator vorzugehen. Auch die italienische Generalität unter Führung Marschall Badoglios war angesichts des längst verlorenen Krieges fest entschlossen, der über zwanzig Jahre währenden Herrschaft Mussolinis ein Ende zu bereiten. Während die Wehrmacht Hitler persönlich "unbedingten Gehorsam" hatte schwören müssen, war die italienische Armee auf König Viktor Emanuel III. als ihren obersten Befehlshaber vereidigt. Der Duce stand also nicht, wie Hitler, unter dem Schutz einer speziellen Eidesformel, die bei den Männern des 20. Juli so viele umständliche Debatten auslöste. Als die denkwürdige Sitzung des "Großen Faschistischen Rates" nach über neunstündiger Dauer im Morgengrauen endete, verließ Mussolini mit hochrotem Kopf, Verwünschungen gegen seinen ungetreuen Schwiegersohn ausstoßend, "wie ein angeschossener Eber" den Palazzo Venezia. Nach einer letzten Audienz beim König trat er als Staatschef zurück und wurde auf Befehl des Monarchen noch im Park des Quirinal-Palastes verhaftet.

          Das vorliegende Buch eines amerikanischen Publizisten, der lange in Italien gelebt hat, schildert anschaulich, wenn auch mitunter ein wenig salopp, die Vita des italienischen Grafen, der bereits mit dreiunddreißig Jahren Mussolinis Außenminister wurde. Obwohl er mit Edda Mussolini, der Lieblingstochter des Duce, verheiratet war, hatte er zahllose Affären mit römischen Aristokratinnen. Man erfährt allerlei pikante Details aus dem Leben der italienischen Oberschicht, die mitten im Kriege von materiellen Entbehrungen weitgehend unbehelligt blieb. Der Unterschied zur streng reglementierten und sozialistisch egalisierten "Volksgemeinschaft", wie Goebbels sie anstrebte, ist eklatant.

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