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Rezension: Sachbuch : Von Gott zu Allah?

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Hans-Peter Raddatz: Von Gott zu Allah? Christentum und Islam in der liberalen Fortschrittsgesellschaft. Herbig Verlag, München 2001. 528 Seiten, 69,90 Mark.Der Rezensent hat das Buch gewissermaßen dialektisch gelesen. Als Antithese und lehrreiches Widerspiel diente ihm Juan Goytisolos "Kibla - Reisen in die Welt des Islam".

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          Hans-Peter Raddatz: Von Gott zu Allah? Christentum und Islam in der liberalen Fortschrittsgesellschaft. Herbig Verlag, München 2001. 528 Seiten, 69,90 Mark.

          Der Rezensent hat das Buch gewissermaßen dialektisch gelesen. Als Antithese und lehrreiches Widerspiel diente ihm Juan Goytisolos "Kibla - Reisen in die Welt des Islam". Goytisolo gehört zu jenen Autoren, die der Meinung sind, der Westen habe am Islam noch etwas gut zu machen, müsse für verzerrte Darstellungen und Feindschaft in früheren Jahrhunderten Abbitte leisten und Richtigstellungen vornehmen. Der Spanier weiß, wovon er spricht: Inquisition, Moriskenprozesse, Conversos, Marranen - all diese Begriffe stehen für ein wenig tolerantes Regiment der spanischen Christenheit gegenüber den verbliebenen spanischen Muslimen und Juden. Goytisolo ist fasziniert vom Volksislam und von der Kunst zwischen Marokko und Mittelasien, von Mystik und Literatur des Islams. Zu Recht.

          Allerdings: Warum am Beginn des 21. Jahrhunderts in Ländern, die von Autobahnen durchzogen werden, die Glaspaläste errichtet und Internet-Cafes eingerichtet haben, Intellektuelle mit religiöser Billigung ermordet, Frauen gesteinigt, Männer ausgepeitscht oder Mädchen vom Schulunterricht oder dem Autofahren ferngehalten werden, warum niemand in diesen Ländern Menschenrechte und Freiheiten wirklich einklagen kann - das versteht man durch Goytisolo nicht. Da muß man schon zu dessen Antithese greifen, etwa dem Buch von Hans-Peter Raddatz "Von Gott zu Allah?" Es ist die seit Jahren substanziellste Darstellung eines komplexen Gefüges: des schwer gestörten Verhältnisses zwischen dem Westen und dem Islam.

          Die Ereignisse vom 11. September in New York haben diesem Werk unerwartet eine Aktualität gesichert, der es eigentlich gar nicht bedurft hätte. Dies gilt sogar in doppelter Weise, denn der Autor behandelt auch das mehr und mehr von Spannungen und Verzerrungen gekennzeichnete Leben von Muslimen und "Christen" im Westen, das mit diesem gestörten Verhältnis durchaus zusammenhängt. Angesichts von "Schläfern" in unseren Städten, deren Religion und wahre Ansichten niemand kannte, ist dieser Aspekt von bestürzender Brisanz.

          Das Buch ist keine leichte Lektüre. Auf einem halben Tausend Seiten schreitet Raddatz den ganzen Kreis der christlich-westlichen und der islamischen Schöpfung aus. Der Autor ist Volkswirt, Systemanalytiker und Orientalist. Daß er sich nicht auskenne, wird deshalb niemand behaupten können, auch nicht, daß er überall schwarze Rauschebärte von frommen Männern oder Kalaschnikows aufspieße und damit "Stimmung mache". Es ist ein wissenschaftliches Buch von hoher geistiger Dichte; die Anforderungen an den Leser sind erheblich. Dennoch wird Raddatz auf die Dauer dem Vorwurf nicht entgehen können, er fördere ein "Feindbild Islam" und schade dem Projekt des Multikulturalismus. Bei letzterem hat der Autor angesichts der geistig-religiösen Befindlichkeit der eigenen Kultur tatsächlich so seine Bedenken. Von islamischer Seite ist schon zu hören gewesen, gerade wegen seiner Kenntnisse sei dieser Autor noch gefährlicher als andere.

          Um es rundheraus zu sagen: Raddatz lehnt jene sogenannten Dialoge ab, die seit vielen Jahren - oft auch unter (gut gemeinter) kirchlicher Ägide - zwischen Islam und Christentum geführt werden. Es sind Dialoge, die von westlicher Beflissenheit einerseits und von islamischem Behauptungsanspruch andererseits getragen sind. Sie werden von zahlreichen Denk- und Sprechverboten der einheimischen Seite überlagert werden. Kritische Rekonstruktionen der islamischen Geschichte, insbesondere der Frühgeschichte, skeptische Anmerkungen gegenüber einigen liebgewordenen Stereotypen über den "im Grunde" toleranten Islam (zum Beispiel in Andalusien) und anderen kritisch-rationalistischen Einwänden, die für Wissenschaft und Philosophie selbstverständlich sind, verfallen allzu rasch dem Verdikt des Feindbild-Bastelns.

          So schleppt sich ein positives Bild des "an sich" fortschrittlichen Islams fort und fort, an dem zu zweifeln fast zum Anathema geworden ist. Scham über den Kolonialismus und der Vorwurf, sie hätten mit ihrer Wissenschaft einen nichtswürdigen "Orientalismus" erzeugt, gehören offenbar zum Ballast heutiger Orientalisten, den manche dadurch loswerden wollen, daß sie den politischen Leitfiguren und Meinungsführern im Westen darin beistimmen, im Grunde sei der Islam - wie alle Religionen - das Gleiche. Zur austauschbaren Chiffre dafür ist das Wort von den "drei abrahamitischen Religionen" geworden.

          Solche Behauptungen entlarvt Raddatz gründlich als gesinnungsethische Naivitäten. Westlich-christliche und islamische Welt haben sich entschieden auseinanderentwickelt. Der Autor zeichnet das Werden des Abendlandes über die philosophische Trias von Platon, Aristoteles und Sokrates über die christliche Verkündigung ("Die Wahrheit wird euch frei machen") und ihre Vergesellschaftung in der mittelalterlichen Kirche bis hin zum Rationalismus, der Aufklärung, der Moderne und der sogenannten Postmoderne. Deren Maßstab der Beliebigkeit ist gar keiner mehr, an dem sich irgendetwas noch messen, gar unterscheiden ließe. Das gilt vor allem für die Religion, deren Fremdheit von den "kosmopolitischen", religiös gleichgültigen bis ablehnenden und metaphysisch uninteressierten westlichen Eliten gar nicht mehr erwogen werden kann. Der Westen ist bei einer "profanen Kurzzeitidentität" angelangt, die in Politik, Religion und Wertesystem ebenso gilt wie in der Wissenschaft. Vom "hypetheses non fingo" Newtons sind nichts als Hypothesen übriggeblieben, die im gesellschaftlichen Diskurs immer schneller wechseln, ja sogar in der Wissenschaft.

          Dem stellt Raddatz entgegen, was er die "sakrale Langzeitidentität des Islams" nennt. Man kann es auch einfacher ausdrücken: die Muslime glauben noch immer, daß ihre Religion wahr ist und nicht zu einer - wenn überhaupt noch - privaten, aber unverbindlichen Gottsuche degradiert. Anhand der islamischen Geschichte und Frühgeschichte arbeitet der Autor heraus, daß der Frühislam mit dem "Modell von Medina" seine bis heute gültige Gestalt fand, die sich bis jetzt durchgehalten und allen Versuchen einer Veränderung widerstanden hat.

          Die Grundlagen des islamischen Systems sind eine "umfassende Sakralisierung und Reglementierung des gesellschaftlichen und individuellen Lebens unter geistig-politischer Rückbindung (religio) an die Allmacht Allahs und die Urgemeinde". Diese "beschränken die autonome Handlungsfreiheit und offene, aktive Zukunftsgestaltung auf eine geschlossene, reaktive Gegenwartsgestaltung und kanalisieren die individuelle Glaubenserfahrung in geregelte Zugänge zur Spiritualität ihres Verkünders". Raddatz zeigt, wie alle Versuche eines islamischen Rationalismus in Gestalt der großen islamischen Denker des Mittelalters, dieses Modell aufzubrechen, an der Orthodoxie scheiterten - anders als in der westlichen Welt, wo christlich-kirchliche Weltauslegung am Ende in die Selbstreflexivität der Vernunft mündete.

          Daß in den westlichen Ländern lebende überzeugte Muslime dieses ihr essentialistisches und integrales Religions-Modell allmählich unter dem Einfluß pluralistischer Demokratie aufgeben könnten, hält der Autor für eine Naivität der Multikulturalisten. Eher sei vielleicht das Umgekehrte der Fall: daß durch eine schon im Gang befindliche Instrumentalisierung der verbürgten Toleranz durch die Muslime und durch einen religiös und metaphysisch wesenlosen Dialogismus der Islam sich diese Gesellschaft aneigne.

          Soweit ist es noch nicht. Der Rezensent hält Goytisolos Standpunkt für ebenso bedenkenswert wie denjenigen des in Rede stehenden Werks. Zu verträglicher Synthese im Zusammenleben wird es freilich nur kommen, wenn die unfruchtbaren Scheindialoge von beiden Seiten beendet und durch rückhaltlos offene, ehrliche Diskurse ersetzt werden können. Bis dahin ist es - wie das Buch von Raddatz zeigt - noch weit.

          WOLFGANG GÜNTER LERCH

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