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Rezension: Sachbuch : Von den Klassenbrüdern gut verwahrt

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Aufschlüsse über das Leben von Max Emendörfer nach 1945

          3 Min.

          Jan Emendörfer: Verfemt. Mein Vater Max Emendörfer. Frankfurter Oder Editionen. Frankfurt/Oder 1997. 254 Seiten, 24,80 Mark.

          Am 13. November 1972 durfte ich in der F.A.Z. auf ein im Militärverlag der DDR erschienenes Buch hinweisen: die Kriegserinnerungen des 1942 an der Ostfront zu den Sowjets übergelaufenen Schuhmachers Max Emendörfer (1911 bis 1974). Als Vertreter der Mannschaftsdienstgrade nahm er am 12. und 13. Juli 1943 in Krasnogorsk an der Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland teil. Am 14. September wurde er zum Vizepräsidenten dieses Komitees berufen. Das Buch, von Hannelore und Horst Grüneberg flott bearbeitet, hatte ein "open end": Emendörfers Bericht schließt mit dem Ende der Kampfhandlungen. Die Bitterkeiten des Jahres 1945 blieben ausgeklammert.

          Jan Emendörfer hat nun unter dem Titel "Verfemt" diese Bitterkeiten, die in der DDR nicht zur Sprache kommen durften, geschildert. Dem Sohn von Max Emendörfer, heute Chefreporter der "Ostsee-Zeitung" in Rostock, gelang es, den Grund herauszufinden, der für den Rücktransport des 1945 hoffnungsvoll nach Berlin zurückgekehrten Kommunisten in die Sowjetunion maßgeblich war. Es war eine Karteikarte der Gestapo, die Emil Miltenberger, Mitarbeiter der KPD-Bezirksleitung in Frankfurt am Main, beim Sichten von Gestapo-Akten entdeckt hatte. Sie zeugte von einem Anwerbungsversuch des aus dem KZ Sachsenhausen entlassenen Kommunisten als V-Mann in einer Schuhfabrik in Frankfurt. Emendörfer hatte mit seiner Unterschrift Stillschweigen versprochen, jedoch nie etwas der Gestapo zugetragen. Er flüchtete sich in die Wehrmacht und suchte als Soldat an der Ostfront den Weg in die "Heimat aller Werktätigen - die Sowjetunion". Im August 1945 gelangte diese Karteikarte gerade in den Tagen in die Hände Walter Ulbrichts, als sich Emendörfer bei ihm darum bemühte, in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main politisch eingesetzt zu werden. Ulbricht sah darin wohl den Versuch der Flucht eines Gestapo-Agenten aus dem Machtbereich der russischen und deutschen Kommunisten. Er ließ den Ex-Vizepräsidenten des Nationalkomitees Freies Deutschland wie eine heiße Kartoffel fallen und überantwortete ihn dem NKWD.

          Damit beginnt für Emendörfer ein Leidensweg, der ihn zunächst in das sowjetische Internierungslager Hohenschönhausen, dann in das ehemalige KZ Sachsenhausen und schließlich in das Kriegsgefangenenlager 7525/13 in Prokopjewsk in Sibirien führte. Nach manchem Hin und Her und vielen enttäuschten Rückkehrhoffnungen landete Emendörfer schließlich im Kriegsgefangenenlager 6114 in Darniza am linken Dnjepr-Ufer. Hier in der Ukraine wurde ihm schließlich der Prozeß gemacht. Aufgrund des Paragraphen 533 der Verfassung der Ukrainischen Sowjetrepublik wurde er als "sozialgefährliches Element" zu zehn Jahren "Verbannung" im Gebiet von Nowosibirsk verurteilt. Emendörfer war inzwischen 43 Jahre alt und hatte das Gefühl, daß ihm nichts in der Welt mehr helfen könne. "Er war zu müde, um noch zu kämpfen" (Jan Emendörfer).

          Der Tod Stalins aber hatte die Lage verändert. Im Januar 1956 kehrte Emendörfer endgültig nach Deutschland zurück. Die mittlerweile dort entstandene DDR gab ihm die sehr untergeordnete Funktion eines Redakteurs bei der Bezirkszeitung der SED, "Freiheit", in Halle. Am 1. August 1956 veröffentlicht diese Zeitung mit der Reportage "In den Kalischächten notiert" sein journalistisches DDR-Debüt. 1958 wird Emendörfer Sekretär des Bezirksausschusses der "Nationalen Front". Aber auch hier ist ihm keine lange Frist gewährt. Am 1. Juli 1959 wird er Kaderleiter im Bezirkskrankenhaus Halle-Dölau. Nach einem knappen Jahr kehrt er dann zurück in seine Zeitung, wo er von 1960 bis zu seiner Invalidisierung am 1. September 1969 als Redakteur in verschiedenen Ressorts, vor allem im Bereich Außenpolitik, arbeitet.

          Am 30. Juni 1963 setzte die amtliche DDR-Nachrichtenagentur, ADN, ein Foto in Umlauf, das 1943 an der belorussischen Front aufgenommen worden war. Es zeigte ursprünglich Walter Ulbricht, Max Emendörfer und Heinz Keßler im Kreis weiterer Mitkämpfer. Nun hatten DDR-Fototechniker Max Emendörfer auf dem Bild eliminiert. "Vielleicht fürchtete man bei der Veröffentlichung des Fotos", schreibt Jan Emendörfer, "unangenehme Fragen von aufmerksamen Lesern, oder Ulbricht wollte einfach nicht in Zusammenhang mit Emendörfer genannt werden". Am 18. Juni 1974 löst dann der Tod das Problem Emendörfer: "Die Beerdigung auf dem Friedhof von Bad Doberan gestaltete sich wie ein kleiner Staatsakt. Aus Schulen abgeordnete Pioniere und FDJler standen Spalier auf dem Weg, über den Marinesoldaten den Sarg zum Grab trugen."

          Die Recherchen von Jan Emendörfer lassen die bedrückenden Jahre der "Verwahrung" dieses deutschen Kommunisten durch seine sowjetischen "Klassenbrüder" durch viele Details anschaulich werden. Ohnmächtig steht der Verdächtige und Verfemte der Allmacht der Partei gegenüber. Die heimische SED bewahrt eisernes und eisiges Schweigen. Auch als Emendörfer in die DDR zurückkehren darf, wird ihm von den Spitzenfunktionären, in deren Kreis er als Vizepräsident des Nationalkomitees tätig war, ein persönliches Gespräch verweigert.

          Fragt man nach den Ursachen, so ist die Atmosphäre des Terrorismus unter Stalin an erster Stelle zu nennen. Einer tiefer liegenden Ursache geht leider Jan Emendörfer nicht nach. Es ist die Kränkung und Verletzung, die die deutsche KP-Führung durch den großen Abfall im Jahre 1933 erlitten hat. Gut die Hälfte der Parteimitglieder ging damals mit fliegenden Fahnen zu Hitler über. Die Masse der Wähler fand sich kleinlaut in die neuen Verhältnisse. Walter Ulbricht ordnete wohl Max Emendörfer als einen doppelten Überläufer ein: einmal zu Hitler und einmal zu Stalin. Das Trauma des Jahres 1933 hinderte ihn daran, den Fall Emendörfer objektiv zu bewerten. GERHARD SCHMOLZE

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