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Rezension: Sachbuch : Von Allah zum Terror?

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Hans-Peter Raddatz: Von Allah zum Terror? Der Djihad und die Deformierung des Westens. Herbig Verlag, München 2002, 376 Seiten, 29,90 Euro.Auch mit diesem Buch wird sich der Autor bei manchen nicht beliebt machen. Schon mit seinem ersten Titel "Von Gott zu Allah?" hatte er Anstoß bei all jenen erregt, ...

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          Hans-Peter Raddatz: Von Allah zum Terror? Der Djihad und die Deformierung des Westens. Herbig Verlag, München 2002, 376 Seiten, 29,90 Euro.

          Auch mit diesem Buch wird sich der Autor bei manchen nicht beliebt machen. Schon mit seinem ersten Titel "Von Gott zu Allah?" hatte er Anstoß bei all jenen erregt, die sich aus verständlichen Motiven heraus harmonisierende, wenigstens glättende Darstellungen des Islams wünschen. Diese aber sind von Hans-Peter Raddatz, einem Schüler der bekannten Orientalistin Annemarie Schimmel, nicht zu bekommen. Raddatz ist zudem Systemanalytiker und hat viele Jahre im Nahen Osten verbracht, so daß er islamisches Leben, Empfinden und Denken hautnah mitbekam.

          Der "11. September" hat dazu geführt, daß man in Sachen Islam genauer hinsieht, daß man - anders als früher - liebgewordene Ansichten und auch manche historische Floskeln über den Islam gründlicher befragt und der Apologetik der dadurch Betroffenen mißtraut. Raddatz tut dies. Seine Erkenntnisse runden das Bild vom Islam ab, das in zahlreichen Veröffentlichungen der jüngsten Zeit zwischen Panikmache einerseits und relativierender Verharmlosung andererseits hin- und herschwankt. Schon im ersten Buch hatte er gezeigt, daß der Islam nicht allein eine tiefsinnige und tolerante Mystik und Poesie umfaßt, sondern auch einen durch Offenbarung begründeten "Willen zur Macht", als dessen Keimzelle die islamische Urgemeinde in al Medina und ihre Verfassung angesehen werden können. Das neue Buch setzt das alte fort und widmet sich speziell dem so sensiblen Thema der Gewalt.

          Im Dschihad, dem religiös motivierten Kampf, nichts anderes zu sehen als eine besonders eifrige innere "Bemühung" um den Glauben ist in manchen westlichen Kreisen zu einer Art multikulturellem Dogma geworden. Der "Dschihad der Feder und der Zunge", den die Gelehrten und die Mystiker tatsächlich übten, der Kampf gegen die Anfechtungen des sündigen Selbst werden gerne herangezogen, wenn es heißt, der Westen verstehe gar nicht, was "Dschihad" eigentlich heiße, wenn er dies mit Heiligem Krieg übersetze. Tatsächlich kann ein Krieg im Islam nicht "heilig" sein, doch religiös motiviert und damit sanktioniert sehr wohl. Und er war es lange Zeit.

          Das ruft Raddatz all jenen in Erinnerung, die es vergessen haben mögen. Viele Jahrhunderte lang zogen die Osmanen in den Dschihad "auf dem Wege Gottes", um das Herrschaftsgebiet des Islams zu erweitern. Der Dschihad war so sehr zur religiösen Pflicht (fard al kifaja) geworden, daß er kurz davorstand, der sechste "Pfeiler" des Islams zu werden. Der religiös begründete Kampf wurzelte in der Praxis des Propheten Mohammed, dessen Scharmützel und Schlachten in der Entstehungszeit des Islams wiederum in der beduinischen Praxis seiner Epoche, deren Kind der Prophet des Islams war, gründeten, in den sogenannten "Razzien" (ghazawat) der arabischen Stämme.

          In islamischer Zeit war die politische Trennschärfe zwischen Muslimen und Christen nicht immer eindeutig. So gab es Bündnisse von Christen mit Muslimen gegen andere Christen, Allianzen, die den Christen oft nicht gut bekamen. Raddatz möchte in Analogie dazu vor einer zu naiven Einstellung gegenüber einem "Dialog" warnen, der das auch im Islam historisch vorhandene Gewaltpotential durch reflexartige Hinweise auf zweifellos nicht zu leugnende "christliche Untaten", Kreuzzüge und Inquisition, Kolonialismus und Imperialismus, Feindbilder und so weiter, relativiert und verharmlost. Dabei nimmt er besonders den gesetzeshaften Islam aufs Korn, der mit Lessings immer wieder zitierter Toleranzauffassung, mit Goethes Faible für den poetisch-mystischen Islam wenig zu tun habe und den gerade der so berühmte Sultan Saladin mit aller Härte gegen "Ketzer" durchsetzte. Auch islamische Denker und andere unorthodoxe Geister wurden Opfer des religiösen Gesetzes, von dem Mystiker al Halladsch über den Sufi-Philosophen Suhrawardi al Maqtul bis hin zu modernen Reformern wie dem Ägypter Faradsch Foda, die ermordet oder hingerichtet wurden. Philosophen wie Ibn Rushd (Averroes) wurden verfolgt, ihre Schriften verbrannt.

          Die heutigen Islamisten und Terroristen, so der Einwand des Autors, der sich vor allem gegen eine gewisse kirchliche Dialogwelle mit einem "Wunschislam" richtet, brauchten den Islam nicht zu mißbrauchen, da sie sich jederzeit auch auf alte Vorbilder beziehen können. Der "Wunschislam" fördere indirekt die Terrorstrukturen, nicht das wechselseitige seriöse Sichkennenlernen, zu dem Realismus gehöre, und schwäche den Westen, ohne daß er dies bemerke.

          Durch die Entschiedenheit seines Urteils wird das Buch weitere Diskussionen heraufbeschwören, bei Muslimen wie Nichtmuslimen.

          WOLFGANG GÜNTER LERCH

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