https://www.faz.net/-gqz-6q2r1

Rezension: Sachbuch : Voll von blindem Optimismus

  • Aktualisiert am

Eine Biographie des kubanischen Revolutionärs Guevara

          4 Min.

          Jorge G. Castañeda: Che Guevara. Biographie. Aus dem Englischen und Spanischen von Christiane Barckhausen, Sven Dörper, Ursula Gräfe und Udo Rennert. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1997. 640 Seiten, 58,- Mark.

          Ernesto Guevara de la Serna, genannt "Che", geboren 1928 in Rosario, Argentinien, hat es selten an Optimismus fehlen lassen. Trotz des Asthmas, das ihn zeitlebens quälte. Und trotz so mancher Niederlagen, die er bis zu seinem Tod am 9. Oktober 1967 im bolivianischen La Higuera erlitten hat. Sein Naturell half ihm, auch schwierigste Hürden zu überwinden. Nur machten der überschäumende Optimismus und Tatendrang mitunter blind für die soziale und politische Wirklichkeit. Zum Beispiel, wenn er das "Modell Kuba" schematisch auf andere Länder der "Dritten Welt" zu übertragen suchte. Und wenn er in der Gewißheit schwelgte, allerorten und jederzeit Revolutionen inszenieren zu können. Er setzte sich tagträumerisch über die sperrige Wirklichkeit hinweg. Er "entfloh nicht nur dem Widerspruch; er war auf der Suche nach seiner eigenen Tragödie". Dies ist nach dem Urteil des mexikanischen Biographen Jorge C. Castañeda, eines renommierten Politikwissenschaftlers, ein Charakterzug, der mit erklärt, warum Che Guevara am Ende sehenden Auges ins Verderben rannte.

          1952 unternahm Che Guevara seine erste große Reise kreuz und quer durch Südamerika, die ihm die Augen für die desolaten sozialen Verhältnisse öffnete und ihn politisierte. In Guatemala erlebte er 1954 beim Sturz der Reformregierung Arbenz seine "politische Feuertaufe". Nachdem er im Sommer 1955 in Mexiko-Stadt Freundschaft mit Fidel Castro und seinen Mitstreitern geschlossen hatte, fühlte er sich zum Revolutionär berufen. Diese Rolle hat er dann im kubanischen Befreiungskrieg so beispielhaft ausgefüllt und vorgelebt, daß er am 4. Januar 1959 schon mit einem ungeheuren Nimbus als Sieger in Havanna einzog. Er wurde zum Idol, weil er den Diktator Fulgencio Batista im "letzten Gefecht" des Befreiungskriegs um die Provinzhauptstadt Santa Clara in die Knie gezwungen hatte.

          Es folgte der zweite, weniger heroische Abschnitt im politischen Leben des Che Guevara, als es nach dem Guerrillakampf in den Bergen der Sierra Maestra hieß, die "Mühen der Ebene" auf sich zu nehmen. Als Präsident der Nationalbank und dann als Industrieminister war er mehr als vier Jahre für die Wirtschaft Kubas verantwortlich. Und das, obwohl er nur über "dürftige Kenntnisse in Ökonomie" verfügte. Diese Konstellation hebt Castañeda aus gutem Grund hervor, bleibt dieses weniger ruhmreiche Kapitel der Vita Che Guevaras doch sonst in der Literatur oftmals ausgeblendet. Als "der am stärksten kommunistisch orientierte Regierungsvertreter" polte er die kubanische Wirtschaft gründlich um. Er etablierte ein besonders rigides Plansystem, das als eine Art mathematischer Mechanismus den Markt ersetzen sollte. Außerdem machte er sich für eine forcierte Industrialisierung stark. Ein eminenter Fehler, wie Castañeda urteilt. Ein anderer, nicht minder gravierender: die übermäßige Zentralisierung. Es kam so, wie es nach Ansicht des Biographen kommen mußte: "Unter der Führung Che Guevaras ging es mit der kubanischen Wirtschaft rasch bergab." Unter den Flurschäden, die der damalige Industrieminister hinterlassen hat, leidet diese Wirtschaft heute noch. Selbst diese wirtschaftspolitische Episode im Leben Che Guevaras, ein von der Sache her eher spröderes Kapitel, schildert Castañeda verständlich, ja sogar lebendig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.