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Rezension: Sachbuch : Völkerkunde

  • Aktualisiert am

Eine Amerikanerin studiert ein deutsches Dorf

          2 Min.

          Daphne Berdahl: Where the World Ended. Re-Unification and Identity in the German Borderland. University of California Press, Berkeley, Los Angeles und London 1999. 294 Seiten, Paperback 13,95 Pfund.

          Die Welt endete für Ost- und Westdeutsche achtundzwanzig Jahre lang an einer von der DDR-Regierung errichteten Grenze, die durch todbringende Installationen das Überschreiten zum tödlichen Risiko machte. Kella, ein kleines Dorf im Eichsfeld, im äußersten Westen der DDR, lag nicht nur mitten im so genannten Sperrgebiet, sondern sogar im 500 Meter breiten Schutzstreifen, zwischen zwei stark befestigten Grenzzäunen. Seine Bewohner wurden von Grenzsoldaten ununterbrochen durch Ferngläser beobachtet, hatten eine festgelegte Ausgangssperre, wurden von einem Lautsprecher beschallt und lebten nachts unter Flutlicht. Eine einzige Straße führte in das Gebiet der DDR. Die DDR-Behörden tilgten sogar den Namen des Dorfes auf Landkarten.

          Dieses Dorf hat sich Daphne Berdahl, Assistant Professor of Anthropology an der Universität von Minnesota, für anthropologische Studien über Grenzgebiete, "borderlands", ausgesucht. Sie wohnte mit ihrer Familie von Dezember 1990 bis August 1992 in Kella, beobachtete und photographierte das Dorf und interviewte seine Bewohner. Ihr, die aus dem Land des Klassenfeindes Nummer eins, aus Amerika, kam, erschlossen sich die Dorfbewohner allmählich. Ergebnis ist eine interessante, gut recherchierte und gut geschriebene Studie über das Dorf Kella.

          Frau Berdahl erzählt von dem streng religiösen Leben der Bewohner, viel von ihren Konsumgewohnheiten, viel mehr von ihrem Mangel an Konsumgütern und den beschwerlichen Auswegen, die sie fanden, um ihren notwendigen Bedarf zu decken: "Vitamin B" (= Beziehungen), "Bückwaren" (Waren unter dem Ladentisch), Tauschhandel, Diebstahl in den Betrieben. Sodann von der Willkür der Behörden und der Justiz, von der Deportation etlicher Einwohner, von der Kollektivierung, vom Fall der Mauer und der Grenzzäune, von der einsetzenden Arbeitslosigkeit, besonders der Frauen, von Resignation und Unmut der "Ossis", wie sie sich gerne nennen, nach der Wiedervereinigung Deutschlands.

          Der Leser stutzt allerdings schon am Anfang, wenn die Autorin Hinweise auf die Grenze zwischen Spanien und Frankreich und die zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten gibt, wenn ein ganzes Arsenal von Begriffen wie Ethnizität, Identität (was ist das eigentlich? Es wird nicht erläutert) und unterschiedlichen "Kulturen" den Zustand von Kella erhellen soll. Grenzen hatte das Eichsfeld stets, es gehörte zu verschiedenen feudalen Herrschaften und später zu verschiedenen deutschen Ländern wie Hessen, Preußen und Thüringen. Kella grenzte sich außerdem durch strengen Katholizismus vom evangelischen Eichsfeld ab. Aber das ist doch etwas ganz anderes als die Trennung durch eine künstlich gezogene Grenze, die, historisch gesehen, auch noch von kurzer Dauer war.

          Diese Grenzbefestigung, ein in der Welt fast einzigartiges Bauwerk, macht aus Kella kein Objekt anthropologischer Forschung. Die Menschen auf beiden Seiten dieser Grenze waren vielfach blutsverwandt und leben heute im Wesentlichen wie vorher. Nur aufkommende gegenseitige Animositäten und Verschiedenheiten in den Konsumgewohnheiten zeigen sich noch, werden aber auch von Jahr zu Jahr weniger. Was die Bewohner von Kella erlebt haben, war in mancher Hinsicht härter als das, was andere DDR-Bewohner zu erdulden hatten; jedoch die meisten Lebensformen, über die Frau Berdahl schreibt, waren für fast alle DDR-Bewohner die gleichen, und sie waren auch den Westdeutschen bekannt, wenn die sie nur zur Kenntnis zu nehmen beliebten.

          Das Buch ist mit dem verfremdenden Blick einer Außenseiterin geschrieben. Alle Menschen, sicherlich alle Deutschen, hätten sich unter den geschilderten Bedingungen gleich verhalten. Kella ist mitnichten ein "borderland" im Sinne der Anthropologie gewesen. Zumindest Deutsche erfahren aus dem Buch nichts Neues.

          RUTH RÖMER

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