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Rezension: Sachbuch : Viele Niederlagen

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Vera Lengsfeld: Von nun an ging's bergauf ... Mein Weg zur Freiheit. Verlag Langen Müller in der F.A.Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2002. 392 Seiten, 19,90 Euro.Manche Menschen erleben in 50 Jahren so viel, daß es bei anderen für drei Biographien gereicht hätte. Zu ihnen gehört die Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld.

          Vera Lengsfeld: Von nun an ging's bergauf ... Mein Weg zur Freiheit. Verlag Langen Müller in der F.A.Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2002. 392 Seiten, 19,90 Euro.

          Manche Menschen erleben in 50 Jahren so viel, daß es bei anderen für drei Biographien gereicht hätte. Zu ihnen gehört die Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld. Der Werdegang der 1952 geborenen Bürgerrechtlerin ermöglicht interessante Einblicke in die zahlenmäßig gar nicht so kleine Schicht der DDR-Bevölkerung, die man als ursprünglich staatstragend bezeichnen kann, die dann aber doch erheblich zum Ende der kommunistischen Diktatur beigetragen hat. Sie war das Kind einer Lehrerin und eines kleinen Behördenangestellten, der es noch zum Major bei den "bewaffneten Organen" - sprich: Staatssicherheitsdienst - bringen sollte. Die Herkunft des Vaters aus dem Sudetenland, von wo er 1946 nach Zwangsarbeit bei den Tschechen vertrieben wurde, war lange ein Tabu in der Familie. Er war "seinem Staat" jedenfalls dankbar, daß er trotz ungünstiger Voraussetzungen immerhin eine bescheidene Karriere machen durfte. Erst gegen Ende der DDR, als er bereits aus dem Beruf ausgeschieden war, fand er zu einer kritischeren Sicht auf das DDR-System. Die Entwicklung seiner Tochter war seiner Karriere sicherlich nicht förderlich.

          Der Lebensweg der Tochter verlief anfangs durchaus DDR-typisch: Besuch einer Spezialschule für Russisch in Berlin, FDJ, Studium der Philosophie, also vor allem des Marxismus-Leninismus, SED-Mitgliedschaft, frühzeitige Familiengründung - nur so konnte man eine eigene Wohnung erhalten -, Scheitern der Ehe. Freunde und Ehepartner kamen wie sie selbst aus einem systemtreuen Umfeld. Der erste Ehemann Sebastian Kleinschmidt, später Redakteur der Kulturzeitschrift "Sinn und Form", war ein Sohn des Schweriner Dompredigers, der es als evangelischer Pfarrer fertigbrachte, Mitglied der dem Atheismus verpflichteten SED zu sein. Der zweite Ehemann, Knud Wollenberger, dessen berufliche Tätigkeit nicht deutlich wird, ist der Sohn eines jüdischen Wissenschaftlers, der nach der Emigration in die DDR zurückgekehrt war. Seiner dänischen Mutter verdankte Knud einen dänischen Paß, mit dem er die DDR problemlos zu Westreisen verlassen durfte.

          Relativ frühzeitig regten sich bei Vera Zweifel am System. Die Folgen jugendlicher Aufmüpfigkeiten konnten noch abgewendet werden. Schwerer wogen Erlebnisse auf einer Reise in die Sowjetunion, wo nicht nur der Lebensstandard deutlich niedriger war als in der DDR, sondern wo die Siebzehnjährige auch zum ersten Mal von den Verbrechen Stalins erfuhr. Der Abschluß des "ersten Lebens" der Vera Lengsfeld war die Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Wissenschaften der DDR, deren Aufgaben keiner Schilderung für würdig befunden werden.

          Zu Dissidentenkreisen fand sie Ende der siebziger Jahre Zugang. Der Rubikon zur Systemgegnerschaft wurde überschritten, als Lengsfeld einen Protestbrief gegen die schikanöse Behandlung von Schriftstellern unterschrieb. Sie trug sich damals sogar mit Fluchtplänen. Der SED-Staat versuchte mit seinen Mitteln auf sie mäßigend einzuwirken. Als das mißlang, wurde sie aus der SED ausgeschlossen. Der Verlust ihres Arbeitsplatzes als Lektorin im Verlag "Neues Leben" war die Folge. Zu dieser Zeit war Vera Lengsfeld bereits Gründungsmitglied eines der ersten Friedenskreise in der DDR unter dem Dach der Kirche.

          Die folgenden Erlebnisse Vera Lengsfelds in der untergehenden DDR fanden über die Westmedien bereits eine gewisse Resonanz. Weitere Schikanen, Verhaftung, schließlich die erzwungene Ausreise mit Familie in den Westen waren die Folge ihrer Aktivitäten. Das alles schildert sie ausführlich und mit vielen interessanten Einzelheiten. Dabei kommt auch die zwielichtige Rolle von Rechtsanwalt Gregor Gysi zur Sprache. Den wohl schlimmsten Schlag erhielt sie allerdings erst nach der Öffnung der Stasi-Akten, als sich herausstellte, daß auch ihr Ehemann Knud Wollenberger (IM "Donald") sie jahrelang bespitzelt hatte.

          Zu dieser Zeit gehörte Vera Lengsfeld schon dem Bundestag an, nachdem sie im März 1990 für Bündnis 90 in die Volkskammer der DDR eingezogen war. Auch ihre Erfahrungen mit der bundesdeutschen Linken und generell ihre Beobachtungen im Bonner System sind lesenswert. Letztlich entfremdete sie sich den Grünen, denen sie vorwirft, in Sachsen-Anhalt 1994 eine rot-grüne Minderheitsregierung gebildet zu haben, die sich von der PDS tolerieren ließ. Nach innerparteilichen Niederlagen trat sie 1996 zur CDU über, die sie heute noch im Bundestag vertritt. Über ihre Erfahrungen in der CDU äußert sie sich kaum. Ihre Möglichkeiten als Hinterbänklerin sind naturgemäß beschränkt. So bleibt offen, ob sie hier dauerhaft glücklich wird.

          DETLEF KÜHN

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